Gedenken

Jad Vashem stellt Fotodokumente zum Holocaust online

Das Mädchen trägt ein hübsches Kleidchen, weiße Strümpfe, halboffene Schnallenschuhe. Ihre schulterlangen braunen Locken sind ordentlich gekämmt, pausbäckig und ein wenig ungelenk schaut sie an der Kamera vorbei.

Ein Vorhang hängt von oben ins Bild und neben der Kleinen sitzt ein Püppchen mit Zipfelmütze auf dem Boden. "Zur Erinnerung." hat jemand handschriftlich unter das Bild geschrieben. Und: "Helly 3 ½ Jahre alt."

Dieses unschuldige Kinderfoto hat die Archivnummer 7551/7 und ist eines von 138 327 Bildern, die die israelische Holocaustgedenkstätte Jad Vashem diese Woche in Zusammenarbeit mit dem Technologiekonzern "Google" für jeden zugänglich online gestellt hat. "Wir konzentrieren uns darauf, neue innovative Wege zu finden, um die enorme Datenmenge in unseren Archiven für eine globale Zielgruppe zugänglich und durchsuchbar zu machen", sagt Avner Schalev, der Vorsitzende der Gedenkstätte. Die Veröffentlichung des Fotoarchivs sei dabei nur der erste Schritt einer langfristigen Zusammenarbeit.

Jad Vashem steht dabei eine schier unüberschaubare Datenmenge von 130 Millionen Dokumenten zum Massenmord an den europäischen Juden zur Verfügung, während Google genügend Speicherplatz für diese Datenmengen und mondernstes technisches Know-how mit einbringt. So wird im Fotoarchiv eine Texterkennungssoftware eingesetzt, um auch Namen und Daten auf Visa, Passierscheinen und anderen Dokumenten mit einer Suchfunktion gezielt durchsuchen zu können.

Unter den in 356 Sammlungen zusammengefassten Bildern sind grauenvolle Fotos dabei, die beispielsweise alliierte Soldaten von den Zuständen in den gerade befreiten Konzentrationslagern gemacht haben. Der weitaus größte Teil der Sammlung aber besteht aus harmlosen Familienfotos, die spielende Kinder, ausgelassene Feiern und idyllische Picknicks zeigen. Das Porträt der kleinen Helly Halberstadt ist eines jener Bilder, denen man die kommenden Schrecken nicht ansieht. Die Bilderunterschrift verrät nichts über das Schicksal des kleinen Mädchens. Es gehört zu einer Sammlung von 20 scheinbar ebenso unschuldigen Familienaufnahmen, die ein Jechiel Kirschbaum irgendwann der Gedenkstätte Jad Vashem überlassen hat.

Doch was ist Helly geschehen? Die Antwort findet sich in einer Datenbank mit den Namen von 3,6 Millionen Holocaustopfern, die Jad Vaschem schon vor wenigen Jahren online gestellt hat. Dort erfährt man, dass Helly Halberstadt die Tochter von Moshe und Risa war und 1921 in Gablonz an der Neisse in Böhmen geboren wurde. Das Bild muss also etwa 1925 entstanden sein. Die Kriegsjahre habe sie im Ghetto Theresienstadt verbracht, ermordet wurde sie im Konzentrationslager Dachau. Ein Todesdatum ist nicht bekannt. Es muss die Hoffnung genügen, dass deutsche Geschichtslehrer diese Datenbank des Grauens zu nutzen lernen. Was spricht dagegen, dass deutsche Schüler am Computer einmal das Schicksal einer der unzähligen jüdischen Familien nachvollziehen?