Radikale Veränderung

Wie sich die Barockmusik neu erfindet

Irgendwann geschieht das, was in Konzerten von Simone Kermes einfach passieren muss: Das Publikum ist verwirrt, Pärchen schauen sich fragend an, manche glucksen in sich hinein. Und warum? Weil die Primadonna dort oben auf der Konzerthausbühne, die aussieht wie eine Bilderbuch-Primadonna in üppigem Stoffgewucher, diese Rolle einfach nicht spielen will, sondern plötzlich anfängt zu tanzen.

Ihr Disco-Schritt auf hohen Plateauschuhen ist animierend. Bei einer Siface-Aria aus Hasses Oper "Viriate" fängt sie einmal sogar an in die Hände zu klatschen - und das Publikum ist gefährlich nahe mitzutun. Und da sage einer, die Barockmusik-Szene sei etwas Gestriges, Verschlafenes, Zopfiges.

"Biene Maja" in der Talkshow

Als "Nina Hagen der Barockmusik" ist die gebürtige Leipzigerin, die ihr Geburtsdatum in bester Diven-Tradition geheim hält, bereits bezeichnet worden. Oder auch als "Crazy Queen of Baroque". Letzteren Titel findet sie weniger gut, weil eine Königin sich immer über ihr Volk erhebt, wie sie sagt. Dabei wolle sie nur mit der Musik die Menschen berühren und verzaubern. Den Vergleich mit Nina Hagen findet die rothaarige Sopranistin Kermes dagegen gut. Schon aus alter Bewunderung. Kürzlich erst hat sie sich wieder auf einer alten DDR-Platte den Nina-Hagen-Hit "Du hast den Farbfilm vergessen" angehört. Da war die Nina noch ein ziemlich braves Mädchen. Begegnet sind sich die beiden Originale bislang noch nicht.

Dabei ist auch die Kermes längst ein gern gesehener Gast in Talkshows. Einmal saß Karel Gott neben ihr, sie schleuderte ihm gleich klangvoll seine "Biene Maja" entgegen. Er wirkte völlig verschüchtert. Da die Sopranistin natürlich auch die alten Kastraten-Arien zu singen hat, gibt sie bereitwillig auch darüber Auskunft. Denn über Kastraten reden die Leute immer gerne, mit eher mitleidiger Geste. Die Kermes nicht: Für bestimmte Beschreibungen lässt sie anschaulich die Fäuste wie Steine zusammenschlagen. Autsch. Bei ihr klingt alles ganz einfach.

Diese Einfachheit wäre bei René Jacobs unmöglich. Der belgische Countertenor und Dirigent, Jahrgang 1946, ist längst ein Idol der Barockmusik-Szene. Seit nunmehr 20 Jahren macht er alljährlich eine Barockoper an der Staatsoper. Was er dirigiert, wird hochartifiziell. Mehr geht nicht. Am Sonntag hat Tommaso Traettas "Antigona" im Schiller-Theater Premiere. Jacobs ist der Typ, dem man schlaflose Nächte zutraut, weil er doch einige belanglose Rezitative vorsichtig gekürzt hat. Gut drei Stunden wird die Aufführung dauern und so original klingen wie überhaupt nur möglich. Jacobs denkt über Entwicklungen nach, beispielsweise dass die Italiener damals zu viele Bläser in den Arien abgelehnt haben. Erst der Mozart hat das anders gehandhabt. Überhaupt wäre Mozarts "Idomeneo" ohne Traettas "Antigona" nicht zustande gekommen. Und beiläufig verweist er auf eine andere Besonderheit. In der italienischen Oper war der Chor aus Kostengründen ausgestorben, bei Traetta kommt er wieder zurück. Solche Geschichten kann der Dirigent am laufenden Band erzählen und wahrscheinlich auch ansingen. René Jacobs ist ein barocker Bildungsmensch, der immer auch ein Künstler ist.

Die Kermes steht dagegen für die barocke Sinneslust. Was beiläufig ganz gut in die Marketing-Strategie passt. Simone Kermes - die so etwas wie die deutsche Cecilia Bartoli ist - macht, was sie will. Wenn die Arie wild, die Frau eine Furie ist, die jemanden töten will, dann könne sie doch nicht still stehen, sagt sie. Außer dem sei der Barock so nah an unserer heutigen Rockmusik. Sie meint die Melodien, den Atem, die Freiheit. Dabei sind ihre Interpretationen am atemberaubendsten, wenn sie ein ganz schlichtes Piano in den Saal haucht. Dann ist es gleichgültig, dass kaum einer im Publikum die Arien von Porpora, Scarlatti oder Bononcini kennt.

Barockmusik kann man sehr modern machen, sagt sie, bei Mozart gehe das schon nicht mehr. Die Klassik ist bereits ein fest gefügter Stil. Sie kennt sich in allem aus. Begonnen hatte sie mit Mozart, dann folgte Händel, schließlich der Belcanto. Sie ist auf den großen Opernbühnen ebenso zuhause wie auf den Konzertpodien. Aber gerade die Barockmusik mache ihre Stimme angstfrei. Bei ihr führt das zu getanzten Koloraturen, wodurch die virtuosen Auszierungen der Melodien wieder mehr Bodenhaftung bekommen. Sie hat sogar schon Dirigenten erlebt, die sie auf der Bühne festhalten wollten. In jüngeren Jahren erlebte sie als Teilnehmerin bei einem Wettbewerb, dass eine Jurorin vor der Endrunde zu ihr kam und sie bat, sie solle doch bitte nichts weiter machen als singen. Simone Kermes nahm sich zurück und bekam einen Preis.

Grauns Ouvertüre im Telefonhörer

Zurückhaltend war auch René Jacobs, als ihm der Staatsopern-Intendant Georg Quander vor 20 Jahren die Barockproduktion von Carl Heinrich Grauns "Cleopatra e Cesare" anbot. Mit der Oper war 1742 die Staatsoper eröffnet worden. Allerdings hält Jacobs es für ein schwaches Stück, und eigentlich wollte er es nicht machen. Er wurde mit besten Sängerbesetzungen geködert. Übrigens: Wer die Staatsoper anruft, bekommt in der Warteschleife immer noch Grauns Ouvertüre zu hören. Seit 1992 hat Jacobs Werke von Gassmann, Telemann, Kaiser, Mozart, Scarlatti, natürlich Monteverdi und Händel gemacht. "Der Superstar ist Händel, aber es gibt viel mehr", sagt er. Jacobs findet, dass "auch Rezitative Musik sind und mit den Sängern intensiv geprobt werden müssen." Er nimmt alles sehr ernst.

Traettas Hauptwerk "Antigona", mit dem er jetzt ins Schiller-Theater einzieht, wollte er schon immer machen. An ihm macht er eine andere Entwicklung fest: Damals wurde der Librettist Marco Coltellini durch seine Sprache bereits ein Stück zum Komponisten, der Komponist bereits zum Regisseur. Jetzt hat Jacobs die junge Regisseurin Vera Nemirova an seiner Seite. Die schräge Bühne ist mit einer Art Haut als Metapher der Verletzlichkeit überzogen. In der Mitte steht eine Art Richterstuhl. Viel mehr gibt es nicht zu sehen. Der Rest sind Menschen, Musik, Gefühle und Interaktionen.