Serie: Bernd Eichinger - Ein Leben wie im Film, Teil 3

Der Mann, der die Frauen liebte

Wir Deutschen haben keine Monarchie mehr. Das steht einer Demokratie ja auch ganz gut an. Aber manchmal beneiden wir die Nachbarn in Europa doch, die noch über Königshäuser verfügen. Weil sie unsere Sehnsüchte, unsere Sensationsgier und - die Klatschspalten füllen. Wir haben auch sonst wenige Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die eine solche Leerstelle füllen können.

Aber Bernd Eichinger, der war so eine. Und auch das machte diesen Mann so schillernd: nicht nur, weil er so erfolgreich im Geschäftsleben war. Sondern weil er so konstant in der Öffentlichkeit stand, ja mehr noch: sich dorthin stellte.

Lange Zeit hatte er gar kein Privatleben. Keine eigene Wohnung. Er glaubte lange an einen frühen Tod. "Bis 40 bist du tot", pflegte er damals zu sagen, "Rockstars sterben früh." Und so lebte er denn auch, nächtigte, ein notorisch Unbehauster, jahrelang in Hotels, zog durch die Kneipen von München, fuhr Nacht um Nacht in seinem Porsche herum, bis der Tank leer war, und schlief zuweilen einfach im Wagen. Er hat in diesen seinen wildesten Tage Dinge gesagt, die ihn dann lange verfolgten: dass er gern ins Bordell gehe, etwa, und dass er jede Frau haben könne, die er wolle.

Als er dann wider Erwarten doch 40 wurde, hat er sich eine Wohnung in Schwabing, später auch einen Zweitwohnsitz in Los Angeles zugelegt. Dennoch blieb er ein Mann der Öffentlichkeit. Wie ein Fürst hielt er Hof, im Berliner Borchardt, im Münchner Schumanns, am liebsten aber im Romagna Antica, dem Szene-Italiener von Schwabing. Hier traf er sich mit Freunden und Partnern, hier trank er zu viel und rauchte zu viel, warf gern Gläser zu Bruch und freute sich diebisch, dass keiner aufmuckte. Hier hat er sich in Szene gesetzt, hat die Nacht zum Tage und Schwabing zu Klein-Hollywood gemacht. Rituale waren dabei wichtig, sein Stammplatz gleich am Eingang musste freigeräumt werden, wann immer er kam, sonst konnte er aufbrausen.

Im Schlüsselfilm "Rossini" verewigt

Man konnte das beobachten wie im Schaufenster. Man musste nur einen der begehrten Tische ergattern oder von draußen reingucken. Aber selbst wer nie vor dem Romagna stand, weiß, wie es dort zuging. Denn es gibt ja einen kaum verschlüsselten Film darüber, "Rossini oder Die mörderische Frage, wer mit wem schlief" von Helmut Dietl. Da treten sie alle auf, Götz George spielt den Dietl, Heiner Lauterbach den Eichinger. Man sieht, wie der Produzent um die Filmrechte für einen Weltbestseller buhlt, hinter dem unschwer "Das Parfum" zu erkennen ist. Man sieht ihn aber zugleich mit einem Lyrik-Rocker (Jan-Josef Liefers) um dieselbe Frau buhlen. Und auch diese Dreiecksgeschichte ist verbürgt: Es ist die von Eichinger, Wolf Wondratschek und der Filmcutterin Jane Seitz. Inklusive deren Selbstmord. Seitz hat Eichingers frühe Klassiker geschnitten, "Christiane F.", "Die unendliche Geschichte", "Der Name der Rose". Wondratschek hat ihr ein Gedicht gewidmet, das Eichinger dann gekauft und Dietl in "Rossini" zitiert hat.

Überhaupt die Frauen: das war - nach dem Film, wohlgemerkt - das andere große Thema im Leben des Bernd Eichinger, die andere große Sucht. Und auch deshalb wurde er so geachtet und beneidet: weil er nicht nur in seinem Beruf, sondern auch als Privatmann so offensichtlich Erfolg hatte. Wenig ist bekannt über seine erste Partnerin, Sabine, die Eichinger hieß wie er, aber nicht mit ihm verwandt war. Sie hat seinen Abschlussfilm an der Münchner Filmhochschule produziert, von ihm stammt seine einzige Tochter, Nina, die heute 29 ist und als Fernsehmoderatorin bekannt wurde.

Nach Sabine Eichinger kam Jane Seitz, auch sie eine aus dem Filmgeschäft. Dann aber begann Eichingers unglaubliche Beziehungsserie mit den großen Schauspiel-Diven: Hannelore Elsner (vier Jahre), Barbara Rudnik (drei Jahre), Katja Flint (fünf Jahre), Corinna Harfouch (fünf Jahre). Er hat sich, im Unterschied zu vielen anderen seines Fachs, nicht nur mit jungen Schönheiten geschmückt; er hat sich immer die Interessanten, Charismatischen, auch: die Komplizierten ausgesucht. Partnerinnen auf Augenhöhe. Ein Dilemma, das ihm durchaus bewusst war: "Ich hatte immer starke Frauen mit eigenständiger Persönlichkeit", hat er einmal gesagt, "und denen ist die Rolle 'Freundin des Bernd Eichinger' einfach zu wenig."

Die Freundschaft hielt noch, als die Beziehung längst vorbei war. Seine Ex-Frauen wirkten weiter in seinen Filmen mit, gingen weiter mit ihm aus. Als Eichinger, unvergessen, auf dem Deutschen Filmball 1989 aus dem Schuh von Hannelore Elsner Champagner trank, war die längst anderweitig liiert und hatte doch Spaß dabei. Die Frauen, selten genug, verstanden sich auch untereinander. "Das Schönste", bekannte Eichinger wiederholt, "wäre ein Haus für uns alle." Zu seinem 50. Geburtstag sollen sie ihn denn auch alle gemeinsam überrascht haben. Die Rudnik mixte Cocktails, die Flint sang als Marlene, und die Elsner rezitierte - Wondratschek.

"Der Mann, der die Frauen liebte", das ist ein Filmtitel von Francois Truffaut, der auch prima zu einer Eichinger-Biographie passen würde. Auch wenn die Harfouch einmal bekannte: "Ich bin ja ganz sicher, dass er Frauen wirklich liebt. Aber als Sehnsuchtsbild." Vielleicht hatte der große Frauenversteher ja zu viel Energie in seine Filme gepumpt; vielleicht mangelte es da an anderer Stelle. Auf die Frage, was ihm denn noch fehle, hat er einmal geantwortet: "die ultimative Liebe".

Sie ist ihm dann doch noch begegnet. Im Herbst 2005 in Barcelona, bei den Dreharbeiten zu "Das Parfum". Katja Hofmann war Journalistin und interviewte ihn. Auf der Berlinale 2006 trafen sie sich wieder, und schon bald hieß es: "Wir probieren es jetzt mal miteinander." Was das hieß, hielt erst mal keiner für möglich. Aber kurz vor seinem 58. Geburtstag heiratete der ewige Junggeselle, der Mann, der seine Freiheit niemals aufgeben wollte, die 22 Jahre Jüngere. Und nicht, wie man erwartet hätte, mit großem Tamtam, sondern in kleinstem Kreis, fernab in Hollywood. Seinem Münchner Büro ließ er lediglich ausrichten: "Ja, ich habe geheiratet. Punkt."

Das war die große Wende. Sie änderte sein Leben, sie machte den umtriebigen Workaholic ganz offensichtlich zu einem zufriedenen, ruhigen Mann. Er zügelte sein Kettenrauchen, er trank und feierte nicht mehr so viel. Der letzte Deutsche Filmball in München, sonst eine der wichtigsten Termine in seinem Kalender, musste ohne ihn auskommen.

Trauerfeier in München

Und alle, die ihn näher kannten, bestätigen, dass er nie so ausgeglichen, so ruhig, so glücklich gewesen wäre. Es ist umso tragischer, dass ihn just in diesem Stadium dann doch noch jener Rock'n'Roll-Tod ereilte, den er früher durchaus erwartet hatte. Ein plötzlicher Herzinfarkt, wie aus dem Nichts. Und wieder im öffentlichen Raum, im Cecconi's in Hollywood. Aber im engsten Freundeskreis. Neben den beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben, denen nun unser ganzes Mitgefühl gilt: Ehefrau Katja und Tochter Nina.

Sein Leichnam, das war Eichingers letzter Wille, soll nun eingeäschert werden. Ob in Los Angeles oder in Deutschland, ist noch unklar. Doch noch in den nächsten acht Tagen soll es eine Trauerfeier in München geben. Das gab Martin Moszkowicz bekannt, Vorstand der Constantin, deren Chef Eichinger Jahrzehnte war: "Das hätte er so gewollt." Und alle, alle werden sie kommen. Ein Abschied, wie es sich für einen Fürsten gebührt.

Morgen: Abschied von Bernd Eichinger. Ein Streifzug durch Berlin. In der BIZ