Hercules & Love Affair

Musik für glückliche Menschen

Fast wäre aus der Karriere nichts geworden. Es würde keine Band namens Hercules and Love Affair geben, niemand hätte ihren Hit "Blind" zur Single des Jahres 2008 gekürt, keiner über die Rückkehr von Disco gesprochen. Andrew Butler, der Chef der Band, wäre immer noch ein weitgehend mittelloser DJ in New York, der sich als Fitnesstrainer über Wasser hält und seine Musik nach Feierabend für den Hausgebrauch produziert.

"Ich bin nicht dumm, aber ich bin sehr schüchtern", sagt Butler und klimpert vielsagend mit den Augen. Einen besonders schüchternen Eindruck macht er eigentlich nicht. Andrew Butler, geboren 1978 in Denver, Colorado, rotblonde Kurzhaarfrisur und Unterarme wie Popeye, sitzt im schmucklosen Konferenzraum einer Plattenfirma in Berlin und hält sich gerade dramatisch die Stirn.

Er muss sich wieder daran erinnern, wie der Erfolg ihn dann plötzlich überrollte. Ein Freund hatte seine Songs zu einer Plattenfirma geschickt, das namenlose Debüt von Hercules and Love Affair wurde kurz darauf veröffentlicht, das Publikum liebte es, die Kritik war begeistert. Bereits zum ersten Konzert erschienen mehr als tausend Zuschauer und Butler stieß sich vor lauter Aufregung auf der Bühne mehrfach den Kopf an seinem Mikrofon. "Wir waren schlimm", sagt er, "aber es hat keiner bemerkt."

Zentraler Song des Debüts war "Blind", eine wunderbare House-Nummer, die an die Hits des Achtzigerjahre-Synthie-Duos Yazoo erinnerte. Der große, weiche Riese Antony Hegarty, der das Konzept fest vorbestimmter Geschlechterrollen schon mittels Körpermasse zu sprengen weiß, gab dem Song seine unvergleichliche Stimme, konnte aber nie gemeinsam mit Hercules and Love Affair auftreten, weil er mit seiner eigenen Band Antony & The Johnsons zu sehr beschäftigt war. Also übernahm die glamouröse Transsexuelle Sängerin Nomi Ruiz seine Rolle, aber auch sie hatte noch eine andere Band. Die Musiker, mit denen Hercules and Love Affair auf der Bühne standen, waren ebenfalls ausgeliehen, so dass neben Butler selbst eigentlich nur die singende lesbische DJ Kim Ann Foxman festes Mitglied der Band war, was angesichts des stetig wachsenden Erfolgs für Butler einen unerträglichen Zustand von Vorläufigkeit darstellte. "Ich dachte, ich müsste sterben", sagt Butler, der mit dem Stilmittel der Überreibung offenbar bestens vertraut ist.

Wenn Hercules and Love Affair jetzt ihr zweites Album "Blue Songs" veröffentlichen, hat man es im Grunde mit einer runderneuerten Band zu tun. Natürlich hat Butler sich Mühe gegeben, den hohen Standard hinsichtlich Musikalität und schillernder Gesamtanmutung zu halten. In Berlin fand er die Opernsängerin Area Negrot, die in Venezuela als Junge zur Welt kam und klingt wie eine Mischung aus Grace Jones und George Kranz. In New York traf er Shaun Wright, einen schwulen schwarzen Tänzer, der aussieht wie Rick James und singt wie der R&B-Sänger Jeffrey Osborne. Und in San Francisco lernte er Mark Pistel kennen, ein ehemaliges Mitglied der queer-vegan-anarchistischen HipHop-Gruppe Consolidated. "Deren Songs haben mich in den Neunzigern durch mein Coming Out begleitet", sagt Butler. "Durch sie wusste ich plötzlich, dass ich mit meinen Problemen nicht allein bin. Heute ist Mark in meiner Band." Eine buntere Truppe ist eigentlich kaum vorstellbar.

Beschäftigte sich Butler auf dem Hercules-Debüt vor allem mit einer Neuinterpretation von Disco, ist "Blue Songs" ein House-Album mit einem Singer/Songwriter-Ansatz geworden, auf dem ganz erstaunliche Textmassen verarbeitet werden. Immer steht der Gesang im Zentrum, stets bewegt sich die Band musikalisch zwischen den Jahren 1985 bis 1994. Wieso? Weil in House in dieser Phase noch neu und originell gewesen sei. "Ab 85 stand für House die Technologie bereit, und Kids in Detroit und Chicago haben plötzlich angefangen, großartige Songs zu produzieren", sagt Butler. Aber House habe sich in den USA nie kommerziell durchsetzen können, weswegen ab 1995 bestenfalls Housesongs in den Charts aufgetaucht seien, die auf Samples von älteren Discosongs basierten. "Und dann wurde es meiner Meinung nach langweilig."

Hercules and Love Affair ist sein Experimentierfeld, da können auch Klarinette und Akustikgitarre auftauchen, da kann der Beat weg brechen, da kann sich ein Song fast im Nichts auflösen, wie etwa bei "It's Alright", einem Klassiker von Sterling Void, der vor allem in der Version der Pet Shop Boys bekannt ist. Kim Ann Foxman singt darin mit glockenheller Stimme über die politische von Situation von 1988 (Diktatur in Afghanistan, Revolution in Südafrika), "es wird alles gut werden", singt sie, "denn die Musik wird für immer spielen und spielen."

Und ist alles so gut geworden, wie der Song verspricht? "Oh ja. Im Moment denke ich, dass ich der glücklichste Mensch auf der Welt bin", sagt Butler und macht ein angemessen ernstes Gesicht.