Kunsthalle

Eine Zeltlandschaft, eine Höhle, ein Schiff

Die temporäre Kunsthalle am Schlossplatz hat längst das Zeitliche gesegnet, und um den politischer Zankapfel, die permanente Kunsthalle, war es die letzten Monate beunruhigend ruhig geworden. Einige hörten schon die Totenglocken laut läuten. Bekanntlich wollte der Regierende Bürgermeister die Halle ursprünglich für geschätzte 30 Millionen Euro am Humboldthafen bauen lassen, unweit des Kunstareals Hamburger Bahnhof.

Die "Initiative Berliner Kunsthalle" dagegen hatte sich für den Kreuzberger Blumengroßmarkt am Jüdischen Museum stark gemacht. Doch das Abgeordnetenhaus zeigte die rote Karte - die Pläne fürs Projekt wurden verschoben, aber immerhin 600 000 Euro bewilligt für die kommenden zwei Jahre, um das Vorhaben zu konkretisieren. Im Gespräch war eine mobile Kunsthalle mit wechselnden Ausstellungen. Konzept, Standort, Programm? Schweigen bei der Senatskulturverwaltung.

Das Kunstevent im Juni 2011

Anders als erwartet, kommt nun wieder Schwung in "Causa Kunsthalle". Klaus Wowereit plant schon für kommenden Juni eine umfassende Leistungsschau Berliner Künstler. 50 bis 80 Künstler sollen mit ihren Arbeiten zeigen, wie lebendig die Hauptstadt als Produktionsort ist. Und wenn es so laufen sollte, wie Wowereit es sich vorstellt, hat die Ausstellung durchaus Zeug das Kunst-Event 2011 zu werden. Ab 1. bis 17. Dezember jedenfalls sind Berliner Künstler aufgerufen, entsprechende Portfolios einzureichen, die ihre Arbeit transparent machen.

Des Bürgermeisters Lieblingsareal - der Humboldthafen - hat als Ausstellungsort den Zuschlag bekommen. Ein deutliches Signal. Klaus Wowereit gegenüber der Berliner Morgenpost: "Ich sehe am Humboldt-Hafen ein großes Entwicklungspotenzial und halte dies nach wie vor für den besten Standort einer permanenten Kunsthalle. Nach der Präsentation im nächsten Jahr werden wir besser wissen, was an dem Ort funktioniert und wie eine solche Kunsthalle aussehen könnte."

Doch welche Architektur dort gebaut werden könnte, steht noch in den Sternen. Temporär soll sie sein - und Raum haben für bis zu 80 Künstler. "Es kann eine Zeltlandschaft sein, eine Höhle, ein Container oder ein Schiff", sagt Moritz van Dülmen von der landeseigenen Kulturprojekte Berlin GmbH, die das Vorhaben im Detail durchführen wird. Nur überdacht muss der Entwurf sein. "Wir machen ja kein Land Art-Projekt."

Ein Architekturwettbewerb soll demnächst ausgeschrieben werden, im Februar sollen dann die eingereichten Pläne gesichtet werden. Die 600 000 Euro werden für das gesamte Vorhaben nicht reichen, davon sind allein Recherche, Kuratoren und Katalog finanziell gedeckt. Für alles andere werden Drittmittel erforderlich.

Doch was bedeutet eigentlich die Idee der "Bestandaufnahme"? Geht es um eine Evaluierung oder eher Kategorisierung der Szene? Wo liegt der Qualitätssiegel? "Es geht um eine Sichtung junger, vielversprechender Kunst aus Berlin", so Wowereit, "also ziemlich genau die Zielgruppe von Künstlerinnen und Künstlern, die hier leben und arbeiten und die in einer permanenten Kunsthalle ihr Forum haben könnten. Für die Qualität stehen die Kuratoren und Berater, die wir gewinnen konnten."

Klaus Biesenbach ist Supervisor

Nicht etwa die Kulturverwaltung nimmt die künstlerische Auswahl vor. Als "Supervisor" hat man sich zugkräftige, international renommierte Starkuratoren ins Boot geholt. Klaus Biesenbach vom New Yorker MoMA, Hans-Ulrich Obrist von der Serpentine Gallery in London und Christine Macel vom Pariser Centre Pompidou. Das wird sicher auch in der internationalen Szene für einige Anerkennung sorgen.

Dass das Kunst-Trüffelschwein und der immerfort durch die Kunstwelt jettende Biesenbach dabei ist, wird niemanden wirklich wundern. Er hat einst die Kunstwerke (KW) in der Auguststraße und die Berlin Biennale mit auf die Beine gestellt; beide, KW wie Biennale, begründeten den Mythos des jungen, hippen Berlins. Der ehemalige Berlin-Boy ist mittlerweile als Chefkurator am New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) und Direktor der Kunsthalle P.S.1 weltweit einer der erfolgreichsten Ausstellungsmacher. Eines ist also klar, das agile Trio hat fundierte Detailkenntnisse der Szene.

Doch auch für die drei hat die Uhr durchaus geschlagen, sie sind über 40 Jahre. Und damit klug genug, junge, relativ unbekannte Kuratoren um die dreißig, wie Angelique Campens, Magdalena Magiera, Jakob Schillinger und Scott Weaver kuratorisch in Berlins Ateliers ausschwärmen zu lassen. Schließlich gibt es durch die vier einen direkten Anschluss an die jungen Artisten. "Wir kennen die verschiedenen Szenen in Berlin und jeder von uns hat natürlich bereits unterschiedliche Künstler im Kopf", sagt etwa Jakob Schillinger, der in Berlin studiert und seit 2006 in New York gearbeitet hat, unter anderem als Curatorial Fellow am Whitney Museum. "Das kann aber nur der Ausgangspunkt sein", sagt der 31- Jährige. "Für diese Bestandsaufnahme wollen wir jetzt möglichst systematisch und umfassend schauen, was gerade in Berlin passiert."

Andere Konzepte für die Kunsthalle

Diese Leistungsschau, wie auch immer sie letztlich aussehen wird, ist zweifellos der Lackmustest für eine ständige Kunsthalle. Doch hat die Erfahrung und Debatte um und mit der temporären Kunsthalle nicht gezeigt, dass Berlin keine permanente mehr braucht? Klaus Wowereit bleibt bei seiner Position: "Nein, das sehe ich anders. Aber wir können natürlich aus den Erfahrungen lernen, die mit dem sehr verdienstvollen Projekt einer temporären Kunsthalle gemacht wurden. In der Standortfrage fühle ich mich zum Beispiel mit meiner Auffassung, dass die Kunsthalle ein Umfeld mit zeitgenössischer Kunst braucht, wie wir es am Humboldthafen mit dem Hamburger Bahnhof und der Heidestraße vorfinden, bekräftigt. Aber auch konzeptionell wird eine permanente Kunsthalle andere Wege gehen müssen." Bleibt zu hoffen, dass mit der Ausstellung im nächsten Juni auch wirklich neue Perspektiven entwickelt werden.