Parfum

Kurzer Blick auf einen der teuersten Flakons der Welt

Manchmal braucht es eine gehörige Portion Größenwahn, wenn man eine ungewöhnliche Idee umsetzen will. Ob sie sich dann realisieren lässt, ist eine andere Sache.

Bei Museums-Direktor der Nationalgalerie Udo Kittelmann jedenfalls hat es geklappt. Es muss Anfang 2009 gewesen sein, als bekannt wurde, dass sich Marcel Duchamps legendärer Parfümflakon "Belle Haleine", das "Eau de Voilette", im Nachlass des Modezars Yves Saint Laurent befand. Nervenkitzel für jeden Museumsmann mit Leidenschaft für die revolutionären Umbrüche der Kunst des 20. Jahrhunderts. Denn "Belle Haleine" (Schöner Atem) ist das einzig erhalten gebliebene "assisted Readymade" von einem der einflussreichsten Künstler der Moderne. Ready-mades, das sind industriell gefertigte Konsumprodukte, die allein durch die Wahl und den künstlerischen Zugriff zum Kunstwerk geadelt wurden und Kunstgeschichte geschrieben haben. Und niemand kreierte so skurrile Ready-mades wie Duchamp.

Duchamp in Frauenkleidung

Der kunstsinnige YSL wusste also, was er 1990 auf einer Auktion ersteigert hatte. Wie und wo er das originale Fläschchen bis zu seinem Tode aufbewahrte oder ausstellte, das blieb sein Geheimnis. Seine Kunst, all die Preziosen und das noble, exzentrische Interieur seiner Pariser Wohnung sollte im Februar 2009 bei Christie's in Paris versteigert werden. Dort war auch das Eau de Voilette im Auktionskatalog mit genauen Angaben und Provenienz aufgeführt: Höhe: 16,5 Zentimeter. Breite: 11,2 Zentimeter. Realisiert mit Unterstützung des Dada-Kollegen Man Ray in New York 1921.

Duchamp verwendete einen gläsernen Flakon der Pariser Firma Rigaud, tauschte simpel das Etikett aus und signierte mit seinem weiblichen Alter ego "Rrose Sélavy 1921'", ein kokettes Spiel mit der Autorenschaft seiner Kunstwerke. Mit Frauenkleid ausstaffiert ließ sich Duchamp mit verruchtem Blick und Schlapphut vom Man Ray fotografieren, verwendete dieses Bildnis für das neue Flaschenmedaillon. Später vermachte Duchamp diese Arbeit einer Ex-Geliebten, der Malerin Yvonne Chastel-Crotti. Sie verwahrte das Herzensfläschchen Zeit ihres Lebens, anschießend wanderte es in andere Privatsammlungen.

Als Museumsmann Kittelmann all diese Details studiert hatte, fing er an zu träumen. Könnte er nicht vielleicht einen Käufer oder Sponsoren finden, der das Fläschchen des Begehrens für die Berliner Nationalgalerie kauft? Niemand fand sich, zumal das Objekt in der braunen Schatulle mit dem Schätzpreis von einer bis 1,5 Million Euro taxiert worden war. Es kam der Tag der Versteigerung - und der Verblüffung, die zeigt, welche absurden Salti der Kunstmarkt schlagen kann: das Mini-Fläschchen wechselte den Besitzer für sage und schreibe 7,9 Millionen Euro.

Kittelmann träumte einfach weiter. Seine Recherche begann und endet mit einer Geschichte, die sich anhört wie ein ordentlicher Kunstkrimi. Irgendwann saß er also im Flieger nach New York, um jenen Agenten zu treffen, der die Pariser Auktion für den Käufer, der anonym bleiben möchte, in Paris durchgeführt hatte. Angeblich dauerte es nicht lange, da hatte er Agenten wie Sammler überzeugt, dass er den kleinen millionenschweren Duchamp für nur 72 Stunden nach Berlin ausleihen durfte, um ihn Tag und Nacht dort zu zeigen. Und der Leihgeber klopfte sich nicht an die Stirn ob dieses Berliner Anliegens? "Ich glaube", erzählt Kittelmann, "dass die Idee, ein einziges Kunstwerk für eine kurze Dauer alleine in einer gläsernen Halle zu zeigen, sehr überzeugend war." Kittelmann plant ein Event, dass tatsächlich spektakulär werden könnte. Duchamps Ikone der Moderne soll von heute an, Punkt Mitternacht, durchgehend bis zum 30. Januar, Punkt Mitternacht, im Tempel der Moderne, der leeren Halle Mies van der Rohes, präsentiert werden. Ikone zu Ikone, Glas zu Glas. Ein gigantischer Showroom für einen einzigen, winzigen Flakon.

Seine Vorstellung: im Dämmerlicht pilgern die Besucher zum "Belle Haleine" wie sonst zur Nofretete. Genau wie die antike Königin im Neuen Museum soll auch "Belle Haleine" in einer eigens kreierten Vitrine - mit exakt den gleichen Maßen - überhöht werden. Eine tolle Idee mit viel assoziativem Spielraum. Mal sehen, ob's die Zuschauer auch goutieren. Duchamp wäre vermutlich begeistert über so viel postpostmodernen Hintersinn. Und der subversive Humor wird hoffentlich auch mit einziehen in die Heilige Halle. Die Aufhebung der Grenzen zwischen Kunst und Alltag war Duchamps erklärtes Ziel. Er musealisierte den Alltag, um schließlich die Kunst ganz im Leben aufgehen zu lassen. Und so nahmen ein Flaschentrockner, das Vorderrad eines Fahrrades und ein umgekehrtes Pissoir als Ready-mades ihren Weg ins Museum.

Wo ist die Grenze von Kunst?

Duchamps Eau de Voilette passt exakt in Kittelmanns Konzept - die Obere Halle der Nationalgalerie hat er längst als experimentellen Diskursraum freigegeben. Hier befragt er mit Ausstellungen die Grenzen der Kunst, ihr subversives Potenzial. Wo fängt sie überhaupt an, wo hört sie auf? Wie reagiert der zuweilen hyperventilierende Kunstmarkt? Wann ist das Werk nur ein Objekt, die Trophäe eines Sammlers? Duchamp wusste um genau diese Gradwanderung, als er schrieb: "... ein Werk (wird) vollständig von denjenigen gemacht, die es betrachten oder es lesen und die es, durch ihren Beifall oder sogar durch ihre Verwerfung, überdauern lassen." Wie gesagt, ein bisschen Größenwahn gehört immer dazu.