Neue Serie: Eichinger - Ein Leben wie im Film

Der Bernd saß immer dabei

Jetzt, da er tot ist und die ganze deutsche Filmszene schockiert in eine Art Agonie fällt, jetzt erst fällt uns vielleicht auf, wie sehr uns dieser Bernd Eichinger begleitet hat in den letzten Dekaden.

Wir haben Ende der Siebziger alle "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gelesen, aber das Drogenmilieu schien in unserem Bewusstsein doch weit weg zu sein. Bis der Film dazu uns die Bilder lieferte. Wer später die dicken Wälzer nicht lesen wollte, die die Bestsellerlisten anführten, Umberto Ecos "Der Name der Rose", Isabel Allendes "Das Geisterhaus" oder Michel Hoeullebecqs "Elementarteilchen" - der konnte das im Kino nachholen, dank Bernd Eichinger.

Das alles waren große, ambitionierte Projekte. Aber da waren auch diese Comicadaptionen, "Der bewegte Mann" etwa oder "Werner - Beinhart", da waren blanke Unterhaltungsfilme wie , "Das Superweib" oder "Manta Manta", "Abbuzze", "Ballermann 6" oder - seine letzte Produktion - "Die Superbullen".

Das war Mainstream. Und Mainstream war verpönt. Zumindest im deutschen Kino. Denn daran krankte der Neue Deutsche Film: nicht an der Nabelschau, die man ihm zu Unrecht vorgeworfen hat, sondern an der Angst vor dem Mainstream. Niemand hat das so griffig formuliert wie Doris Dörrie, als sie Eichinger im vergangenen Jahr anlässlich seiner Ehrenlola fürs Lebenswerk huldigte: Der deutsche Filmemacher, sie selbst eingeschlossen, habe sich immer primär als Künstler gesehen; dieser "möchte zwar gern die tollsten Semmeln backen, aber wenn sie weggehen wie warme Semmeln, hätte er den Massengeschmack getroffen und dann wären sie Mainstream, und das wäre der Untergang." Eichinger war da der Gegenentwurf, ein Mann, der wusste, wie man Semmeln backen konnte und wie sie am besten weggehen. Einer, der keine Angst hatte vor kommerziellem Erfolg.

Er war der einzige Tycoon

Das ist vielleicht die größte Leistung im Leben des Bernd Eichinger: dass er das deutsche Kino mit dem Mainstream versöhnt hat. Dass deutsche Filmemacher zumindest nicht mehr die Nase rümpften, wenn ein Filmprojekt in den Ruch kam, populär zu sein. Das war in den siebziger und achtziger Jahren noch anders. Und in den Neunzigern ging die Schere am weitesten auseinander, als die deutsche Beziehungskomödie ihren Siegeszug antrat, während sich die Filmkünstler ganz in ihren Elfenbeinturm zurückzuziehen schienen. Keiner hat in dieser Zeit so zielstrebig auf den großen Publikumserfolg gesetzt wie Eichinger. Und so klar seinen persönlichen Hollywoodtraum geträumt, den er gleichwohl in seiner Heimat verwirklichen wollte. "Die unendliche Geschichte", das war 1984 der Versuch, die amerikanische Fantasywelle mit einem deutschen Kultbuch zu kombinieren, das wurde noch in München, aber mit amerikanischen Schauspielern, auf Englisch produziert. Das war Hollywoodimitat. Elfenbeinturmverrat! Dann kam "Der Name der Rose", ein italienischer Weltbestseller (Eco), ein französischer Kultregisseur (Annaud), ein legendärer Bond-Darsteller (Connery). Ein Erfolgsrezept reichte nicht: Eichinger musste sie potenzieren. Bis hin zu Austs "Baader Meinhof Komplex", für den er den halben deutschen Film vor die Kamera brachte.

Der Mann mit den Röhrenjeans, dem Seidenschal, den notorischen Turnschuhen war aber nie nur der Akkumulator großer Namen. Er hatte ein unglaubliches Gespür für Stoffe und Themen. Nicht nur solche, die zwingend gefallen wollten, sondern auch solche, die leidenschaftliche Reaktionen hervorriefen, die spalteten und erhitzte Diskussionen anfachten wie zuletzt seine Geschichtsaufarbeitungen "Der Untergang" und "Baader Meinhof".

Das alles machte ihn zu einem großen, mächtigen Produzenten. Das war nur die eine Seite. Eichinger war eben nicht nur der Mann, der das Geld gab und ansonsten mit Zigarre und flotten Wagen auf strammen Max machte. Das Klischee vom Filmproduzenten ist so dämlich wie falsch; am wenigsten traf es aber auf Eichinger zu. Denn der lebte für seine Filme. Er begleitete sie, von der frühen Drehbuchphase über die Dreharbeiten bis zur Schnittfassung. Ein Produzent am Set, das ist der Albtraum eines jeden Regisseurs. Einer, der immer über die Schulter guckt und alles besser weiß und billiger haben will. Nicht so Bernd Eichinger, der ehrfurchtsvoll von allen nur "der Bernd" genannt wurde. Der Bernd saß immer dabei und hielt sich doch zurück. Dass Oskar Roehlers "Elementarteilchen" kein Oskar-Roehler-, sondern ein Bernd-Eichinger-Film wurde, das haben alle bekrittelt, nur nicht Roehler selbst. Der gebraucht, wie so viele in Bezug auf "den Bernd", ein Wort, das man sonst selten hört in der Branche: Er sei wie ein Vater gewesen.

Der Vater konnte streng sein und toben. Er hat aber auch Karrieren nachhaltig geprägt und gelenkt. Eichinger hat Geißendörfer bestürmt, Til Schweiger aus der "Lindenstraße" zu entlassen, weil er ihn ganz groß herausbringen wollte. Er hat eine Nina Hoss in das Filmprojekt "Das Mädchen Rosemarie" gezwungen, als sie noch mitten in der Schauspielausbildung war. Ein Entdecker, ein Star-Macher.

Der Bernd war eigentlich ein Produzent, der immerzu selber zur Regie strebte. Er hat das aber nur zweimal wirklich getan, mit dem "Mädchen Rosemarie" und dann noch einmal, mit "Der große Bagarozy", dem - tragische Ironie! - vielleicht einzigen Flop in seiner langen Filmographie. Am Ende hat er die Geschäftsleitung seines Imperiums, der Neuen Constantin, die er mit 29 übernommen und zur wichtigsten deutschen Produktionsstätte ausgebaut hat - aufgegeben, um sich nunmehr seinen liebsten Projekten zu widmen. Spätestens hier ist das alte Schreckbild des übermächtigen Produzenten restlos perdu.

"Der Bernd", er hat für den Film gelebt. Für den populären Film. Mainstream ist heute kein böses Wort mehr in der Branche, es ist auch nicht mehr das Feindbild für die Kunst. Da ist einiges passiert, und das ist ein Verdienst dieses Mannes. Er hat, wie seine Kollegin Regina Ziegler sehr klug analysiert, "die Doppelrolle des Kinos als Wirtschafts- und Kulturgut zur Grundlage seiner Arbeit gemacht."

"Der Bernd" wird nun eine große Lücke hinterlassen. Er war nicht der letzte, nein, er war der einzige deutsche Tycoon. Nach ihm kommt lange nichts mehr. Planungen für die Trauerfeier gibt es noch nicht. Eine erste Ehrung steht dagegen schon fest: Auf der Berlinale wird am 12. Februar noch einmal "Das Mädchen Rosemarie" gezeigt. Der Vater, der Bernd, der Tycoon, er wird eine tiefe Lücke hinterlassen. "Bernd Eichinger", so lässt die Deutsche Filmakademie in einem Nachruf verlauten, "wird dem deutschen Film fehlen. Er wird vor allem dem Kino fehlen. Wie sehr, das ist im Moment der tiefen Trauer noch gar nicht zu fassen."

Bernd Eichinger wird dem deutschen Film fehlen. Wie sehr, das ist im Moment der tiefen Trauer noch gar nicht zu fassen

Statement der Deutschen Filmakademie