Hans Magnus Enzensberger

Jeder Peinlichkeit liegt eine Erleuchtung inne

Ein Abend des Bildersturms. Zur Einführung beschwört Ulla Berkéwicz-Unseld raunenhaft die Macht der großen Worte.

Hans Magnus Enzensberger, der an diesem Abend seine beiden neuen Werke "Album" und "Meine Lieblingsflops, gefolgt von einem Ideen-Magazin" in der Akademie der Künste vorstellt, sei einer, der keine "Bücher zum Kopfnicken und Hinterherdenken" schreibe, sondern solche, "die zu guter Laune und Selbermachen" anregten. "Ströme, in die man fasst, um Fischlein herauszuziehen", verliest Berkéwicz-Unseld, versteckt hinter einer riesigen Brille von ihrem Blatt.

Das Publikum ist so aufgeregt und zahlreich zum Pariser Platz geströmt, dass einige fast eine halbe Stunde vor der Tür auf den Einlass warteten. Heinrich Detering, der Literaturwissenschafts-Professor, der durch die Veranstaltung führt, beginnt ehrfürchtig mit Vergleichen zwischen Bob Dylan und Hans Magnus Enzensberger, von denen er sich auch während des Gesprächs mehrmals nicht abbringen lässt. Später versteigt er sich zu der Behauptung: Enzensbergers "Album" sei das Buch "eines Flaneurs, der Haken schlägt. Ein Sammler und Jäger, der sich durch wundersame Welten schlägt." Mit all diesen Ehrerbietungen hätte das auch ein ganz furchtbarer Abend werden können. Aber so was ist mit Hans Magnus Enzensberger nicht möglich.

In bester Laune und mit etwas zu großem grau-blauen Anzug wehrt sich Enzensberger tapfer gegen alle Verherrlichungen. Die Originalität, die solle man bitteschön nicht so hoch hängen. "Wir sind nicht Besitzer von Worten, das ist ja nicht wahr. Man schreibt weiter, das kann bis zum Diebstahl gehen."

Von dem erzählt auch sein Buch "Album", und davon, was für ein unordentliches und plagiatverdächtiges Organ so ein Gehirn sein kann. "Ganz allein denken kann man auch nicht. Das geht ja gar nicht. Und Gott sei dank. Ich mein: Das wäre ja auch ein bisschen langweilig", sagt Enzensberger. Natürlich muss man recht weit gekommen sein als Künstler, wenn man einfach mal ein ganzes Buch über seine Flops schreiben kann, und es zu einem Erfolg macht. "Jeder Peinlichkeit", liest Enzensberger "liegt eine Erleuchtung inne." Vielleicht ist das auch ein gut gemeinter Rat an die, die versuchen, ihn zu überhöhen. Davon will Enzensberger nichts wissen, deswegen hat er auch eine Verteidigung der Albernheit geschrieben. Überhaupt gehöre er nicht zu diesem sehr deutschen Typ des Selbstdenkers. Zum Abschluss beruhigt er auch die, denen die Worte und Gedanken nicht ganz so gegeben sind. "Oft genügt es, wenn andere gescheit sind."