Florian Bartholomäi

Der stille Star aus Friedrichshain

Durchbruch mit dem ersten Film

Davor hat er schon den Max Ophüls-Preis 2007 als bester Nachwuchsschauspieler kassiert sowie den Undine Publikumspreis, beides für die Komödie "Reine Geschmacksache". Florian Bartholomäi ist wahrlich preisverwöhnt. Fast möchte man Angst haben, der junge Mann könnte abheben, könnte die Bodenhaftung verlieren. Das Gegenteil ist der Fall. "Ich habe da keinesfalls Routine. Ich rechne generell nie mit Preisen", sagt der Schauspieler. Und setzt, nach kurzem Überlegen, nach: "Ich fühle mich bestätigt, aber das würde ich auch ohne Auszeichnung."

Florian Bartholomäi ist ganz bodenständig geblieben. Dazu passt irgendwie auch, dass er zum Interview mit Fahrradsattel erscheint. Ins Weltrestaurant der Kreuzberger Markthalle - berühmt geworden spätestens durch den "Herrn Lehmann" und eines seiner Lieblingslokale - ist er mal eben von Friedrichshain herübergeradelt, trotz nieselig-kalten Wetters.

Durchbruch mit dem ersten Film

Gleich sein erster Film war eine Hauptrolle. In "Kombat 16" spielte der damals 17-Jährige einen Schüler, der in den Osten ziehen muss und dort in Neonazi-Kreise gerät. Was für ein Auftakt! Dabei hatte Bartholomäi nie daran gedacht, Schauspieler zu werden. "Das stand nicht auf meiner Liste", gesteht er. "Ich hatte nicht mal eine Liste." Seither hat er fünf "Tatorte" absolviert, besagten "Bloch"-Folge gedreht. Und zahlreiche andere Krimiserien bestückt. "Ich hab' ein solches Vorstrafenregister", grinst er stolz und listet mit den Fingern auf: vergewaltigt, vergiftet, erschlagen, erstochen. Aber alles nur in der Filmografie, versteht sich.

Sein zweiter Kinofilm "Reine Geschmacksache" fällt da irgendwie aus dem Rahmen: seine bislang einzige Komödie, in der er einen verschüchterten Jungen spielt, der sein Coming-Out erlebt. Aber seine aktuelle Rolle ist gleich wieder eine Hammer-Partie: "Weltstadt", der nächste Woche ins Kino kommt, handelt von jenem traurigen Fall in Beeskow, wo im Juni 2004 zwei Jugendliche aus Langeweile einen Obdachlosen überfallen, angezündet und fast getötet haben. Und natürlich spielt Bartholomäi einen der beiden Täter.

Dabei sieht er so aus, als könne er keiner Fliege etwas zuleide tun. Mehr so der Typ Schwiegermuttis Liebling. Und manchmal versteht der stille Star selber nicht, warum ihm immer solche Rollen "passieren". Aber wie fast jeder Schauspieler interessiert auch ihn der Mephisto mehr als der Faust. "Weltstadt" war aber schon anders als seine anderen Produktionen. Denn der Film von Christian Klandt wurde wirklich in Beeskow, vor Ort gedreht, nur wenige Meter vom echten Tatort entfernt. Da war ihm schon flau, gesteht er, da spüre man eine besondere Verantwortung. Das Team hätte sogar die Originalbank benutzen können, auf der der Obdachlose damals lag, mit den Schmauchspuren. "Das wäre echt zu weit gegangen", gesteht Bartholomäi. Die Tat aber müsse man mit aller Brutalität zeigen. Das ist ihm auch bei jedem Krimi wichtig: "Wenn man schon Gewalt zeigt, dann muss es auch weh tun. Das ist man den Leuten schuldig, denen so etwas wirklich passiert."

"Weltstadt" ist schon drei Jahre alt. Dass er jetzt ins Kino kommt, ist ein kleines Wunder, denn er ist ein Hochschul-Abschlussfilm, dem solche Ehren selten zuteil werden. Dafür lief er schon auf zahlreichen Festivals in mehreren Ländern. Und überall wurden der Regisseur und sein Hauptdarsteller auf ähnliche Fälle angesprochen. Der Filmtitel "Weltstadt" ist also sehr treffend: Was in Beeskow passiert ist, gibt es überall auf der Welt.

Bartholomäi freut es, wenn nach den Vorführungen Diskussionen entstehen. Er mag Filme, "die auf eine Problematik hinweisen, die nicht jeden Tag in der Zeitung stehen." Vielleicht kann er auch deshalb eine so beachtliche Rollenauswahl vorzeigen. Er ist in kürzester Zeit zum vielversprechenden Shooting Star aufgeschossen, hat sich mit wenigen Titeln einen Namen gemacht. Auch wenn den noch immer nicht jeder aussprechen kann. Aber das Problem kennt er von jeder Pizza-Bestellung.

In jeder Rolle ist er anders zu erleben

Seit vier Jahren lebt Bartholomäi in Berlin. In die Stadt hat er sich sofort verliebt, als hier Teile von "Kombat 16" entstanden. Für den Film wurde er vor allem deshalb genommen, weil er Taekwondo beherrschte (er trägt den blauroten Gürtel) und das von der Rolle gefordert war. Und Bartholomäi, dessen schauspielerische Erfahrung sich bis dato auf ein bisschen Komparserie in der Frankfurter Oper beschränkt hatte, ging eigentlich nur zum Casting, weil er sehen wollte, wie das dort abläuft. "'Deutschland sucht den Superstar' konnte es doch nicht sein."

Schauspielunterricht hat der Wahlberliner noch immer nicht genommen. Aber er arbeitet jetzt mit einem Coach zusammen. Und ist in jeder Rolle anders zu erleben. Das kann man besonders schön in besagter "Bloch"-Folge studieren, wo er eine Doppelrolle spielt. Zwillinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Einer davon scheint innerlich zu bersten, zu implodieren, wie so viele Bartholomäische Figuren. Woher, muss man sich fragen, nimmt der Junge das nur her? Bartholomäi weiß es selber nicht. "Man ist immer nur eine von vielen Stimmen, die aus einem sprechen", sagt er. Und das ist noch nicht mal eine eigene Erkenntnis, sondern die eines Kollegen.

Was ihn noch reizen würde, wäre: einmal auf der Bühne stehen. Nicht nur vor der Kamera, sondern vor echtem Publikum. Und mit erprobten Theatermimen arbeiten. Es sei ja letztlich egal, wo das Spiel herkommt, Hauptsache, es entsteht dabei Interaktion. Aber auch da gibt er sich wieder ganz bescheiden: "Ich hatte schon einmal das Glück, ohne jede Erfahrung genommen zu werden. Das wird wohl nicht noch mal passieren."