Berlinale

"Mit Yoga kommt man besser durch"

Letztes Jahr konnte die Berlinale mit ihrer 60. Ausgabe Jubiläum feiern. Jetzt steht schon das nächste Festival an: das Zehnjährige von Dieter Kosslick. Sein Amt als neuer Festivalchef trat er am 1. Mai 2001 an, das kommende Festival ist das zehnte unter seiner Leitung. Peter Zander hat mit Mr. Berlinale gesprochen.

Berliner Morgenpost: Herr Kosslick, wie halten Sie sich eigentlich während der Berlinale fit? Ich weiß, Sie sind praktizierender Yogi. Aber dafür finden Sie wohl keine Zeit während des Festivals?

Dieter Kosslick: Doch doch. Ich habe meine Matte im Hyatt Hotel und mache das täglich 25, 30 Minuten. Ich mache Haushalts-Yoga, also nicht die kompliziertesten Übungen. Das mache ich aber auch sonst jeden Tag.

Berliner Morgenpost: Wie dürfen wir uns das vorstellen? Sie verschwinden kurz mal ins Hotel, um gestärkt auf den roten Teppich zurückzukehren?

Dieter Kosslick: Das geht nur morgens. Während des Tages ist da nichts zu machen. Ich habe mal auf einer laufenden Berlinale versucht, zur Kosmetik zu gehen, weil ich nach der Hälfte schon so ruiniert aussah. Das war aber zeitlich nicht drin, ich musste mit meinem Gesicht bis zum Ende durchhalten. Nein, man muss alles vor neun in der Früh machen. Ich nehme mir morgens auch immer Zeit zu frühstücken. Im Sitzen! Das geht auch ganz gut, denn bei einem solchen Festival ist der Biorhythmus so, dass man sowieso ab sieben wach ist.

Berliner Morgenpost: Machen Sie das schon immer? Oder gibt es auch Erfahrungswerte, wie viel besser es geht, seit Sie Yoga praktizieren?

Dieter Kosslick: Schon immer. Aber die Antwort kann ich Ihnen auch so geben: Mit Yoga kommt man besser durch. Es gibt viele Erfolgsrezepte, wie man gesund durchs Leben kommt. Und die Berlinale ist ja nichts anderes als das Leben, nur sehr verdichtet. Meine Frau ist Yogalehrerin, von daher weiß ich, der Zulauf der Leute in diese Studios ist enorm. Die halbe Filmbranche macht das. Wir haben übrigens auch im Büro eine privat organisierte Yoga-Klasse.

Berliner Morgenpost: Haben Sie noch ein weiteres Geheimnis, wie man den Berlinale-Marathon übersteht?

Dieter Kosslick: Es gibt da eine rechtsdrehende Milchsäure-Pflaume aus Japan. Deren Namen kann ich leider nicht aussprechen, aber die gibt es in jedem Bioladen: Die schmeckt ganz, ganz schrecklich. Aber die baut wirklich auf. Und als Vegetarier lebe ich sowieso etwas giftfreier.

Berliner Morgenpost: Sie haben vor zehn Jahren Ihr Amt als Berlinale-Chef angetreten. Haben Sie schon mal Bilanz gezogen?

Dieter Kosslick: Ja, diese Woche, im Kulturausschuss des Bundestags, wo ich meinen jährlichen Auftritt hatte. Wir hatten im vergangenen Jahr mit der 60. Berlinale eigentlich genug Jubiläum, da wollten wir nicht gleich das nächste feiern. Aber Bilanz haben wir schon gezogen, und die sieht ganz gut aus. Wir haben jedes Jahr ein, zwei neue Initiativen im Festival integriert, eine der ersten, die Perspektive Deutsches Kino, feiert dieses Jahr bereits seine 10. Ausgabe. Der Markt ist immer größer geworden und erfolgreich umgezogen. Die Berlinale erstreckt sich längst über die Kinos hinaus in diverse Bereiche von Kunst bis Küche. Es gibt aber natürlich auch etliche Dinge, die wir nicht lenken können und die sich nicht zum Vorteil verändert haben.

Berliner Morgenpost: Wie der Fakt, dass die Oscar-Nominierungen vorgezogen wurden und nicht mehr während, sondern schon vor der Berlinale verkündet werden.

Dieter Kosslick: Ja, das bereitet uns Schwierigkeiten. Obwohl: Viele Filme, um die es da geht, bekommen wir trotzdem. Ob das nun Scorseses "Shutter Island" oder Polanskis "Ghost Writer" ist. Oder unser aktueller Eröffnungsfilm "True Grit" von den Coen-Brüdern, der garantiert am kommenden Dienstag nominiert werden wird.

Berliner Morgenpost: Und dann gibt es noch das eine und andere neue Festival, das für Konkurrenz sorgt.

Dieter Kosslick: Das Problem ist, ganz richtig, nicht das eine oder andere Festival, sondern in der Tat, dass es immer mehr gibt, die wie Pilze aus dem Boden schießen. In letzter Zeit sind Abu Dhabi, Dubai, Doha und Marrakesch dazugekommen und ein neuer großer Filmmarkt in Argentinien. Es geht gar nicht mehr, wie das früher immer dargestellt wurde, um den Kampf der großen A-Festivals Cannes, Berlin und Venedig. Da geht es vielleicht noch um einen oder zwei Filme, die man sich wegschnappt. Nein, das Problem ist, dass einzelne Filme an diese vielen anderen Festivals gehen und dann für die großen Festivals nicht mehr spielbar sind. Letztendlich habe ich aber kein großes Problem. Auch in diesem Jahr programmieren wir viele neue Filmemacher. Das ist für uns weniger ein Experiment als eine Richtung.

Berliner Morgenpost: In Frankreich läuft gerade das erste Online-Filmfestival. Ist das der Anfang vom Ende?

Dieter Kosslick: Nein, das ist vielleicht eher der Anfang von einem neuen Anfang. Ich würde das Online-Festival nicht für unser Programm gelten lassen, aber vielleicht als ergänzende Maßnahme in unserem Filmmarkt. Wenn dort alle Möglichkeiten vergeblich ausgeschöpft wurden, um einen Film auszuwerten, dann wäre das - so die Rechteinhaber das wollen - noch eine Möglichkeit, einen Film auf eine Plattform zu stellen, so dass die ganze Welt ihn kaufen kann. Wenn das Wort Plattform heißt, ist alles gut. Wenn das Wort Festival verwendet wird, wird es schwierig. Wenn die Leute ihre Filme alle gleich ins Netz stellen würden, wären wir natürlich am Ende.

Berliner Morgenpost: Sie platzieren in diesem Jahr mit "The Future" erstmals einen Film im Wettbewerb, der zuvor auch in Sundance gelaufen ist. So etwas war bisher absolut tabu.

Dieter Kosslick: Dass man Filme zeigt, die auch woanders gelaufen sind, war schon öfters so. Wenn auch nicht im Wettbewerb, das stimmt. Jetzt kommt aber diese wunderbare Regisseurin Miranda July, die vor Jahren eine Entdeckung von Sundance war, und produziert mit deutschen Geldern einen Film. Da sind wir jetzt in einer Falle. Soll ich den nicht zeigen, bloß weil er schon in Sundance läuft? Diesen Film mögen wir sehr und den wollen wir unbedingt zeigen. Natürlich hätten wir ihn außer Konkurrenz zeigen können. Aber das wäre schade, er erfüllt alle Kriterien, um im Wettbewerb zu laufen.

Berliner Morgenpost: Rührt man da nicht an den Grundfesten? Ist damit der Status der Berlinale als einem A-Festival gefährdet?

Dieter Kosslick: Nein. Ich denke schon, dass eine Diskussion darüber einmal nötig ist. Gerade in der erwähnten verschärften Situation. Regeln sind gut, aber nur wenn es auch Ausnahmen gibt. Ich denke nicht, dass jetzt eine grundsätzliche Änderung in der Festivalpolitik in Sicht ist, aber es ändern sich grundsätzliche Dinge. Und irgendwann wird es, wie in der Physik, eine kritische Masse geben, dann muss sich was ändern.

Berliner Morgenpost: Wenn Sie das Amt als Berlinale-Chef heute noch einmal angeboten bekämen, würden Sie, unter den verschärften Bedingungen, noch einmal zusagen?

Dieter Kosslick: Selbstverständlich. Wie hat das jüngst mein Chef, der Staatsminister Bernd Neumann, beim Auslaufen seiner ersten Amtsperiode gesagt: Ich werde mich noch mal drum bewerben. Mir macht der Job Spaß. Wenn ich das vergleiche mit der Filmförderung, die ich zuvor 20 Jahre an verschiedenen Ecken und Enden gemacht habe, ist Festival machen ein wenig aufregender. Früher hat man immer nur Drehbücher gehabt und hat die Filme dann erst gesehen, nachdem man sie gefördert hat. Hier sieht man ab und zu Filme und muss sich fragen, ob es dazu Drehbücher gegeben hat (lacht). Nein, der Job ist schon sehr reizvoll. Dass der auch stressig ist, das gibt es auch woanders. Das Problematische ist vielleicht, dass man bei uns viele Probleme dieser Welt in kürzester Zeit erlebt.