Theater

Großes antikes Wimmelbild

Kalle deckt schon mal den Tisch. Obwohl das eigentlich gar nicht sein Job ist. Eigentlich ist Jazz-Gitarrist Kalle Kalima zusammen mit Michael Wilhelmi am Klavier und Nurit Stark an der Violine das Opernorchester. Das komplette. Und eigentlich ist Penelope auch keine Köchin, deshalb schmeckt's offenbar auch nicht besonders, und der Wissenschaftler von gegenüber ist Opernsänger.

Dieser Abend ist einer der erweiterten Zuständigkeiten: Die Musiker darstellern, die Schauspieler singen, die Sänger rennen. Und alle 10 Schauspiel-Sänger-Musiker machen alles irre gut. Sogar unter widrigsten Umständen wie Geigen im Liegen oder Singen beim Knutschen.

So ist das häufig bei David Marton, dem Opern-Zerleger, der sich mit seinen Musik-Montagen längst einen soliden Ruf als Rekontextualisierer erworben hat. Für die Schaubühne hat er sich jetzt Claudio Monteverdis frühbarockes Stück "Die Heimkehr des Odysseus", im Original: "Il ritorno d'Ulisse in patria" vorgenommen. Dieses Original hat David Marton gründlich umgekrempelt, aber gesungen wird auch hier auf Italienisch. Doch vorher stellt Telemachos beim Abendessen noch die entscheidende Frage: "Wo ist eigentlich Papa?" Der wurde vom Trojanischen Krieg aufgehalten. Seit 20 Jahren wartet Penelope schon auf des Gemahlen Rückkehr, derweil sich allerlei heiratswillige Freier in ihrer Bude auf Ithaka tummeln. Was die Alleinerziehende nicht ahnt: Odysseus ist, in Gestalt des fast übertrieben zurückgenommen Ernst Stötzners, schon auf dem Heimweg und taucht ungefähr zur Halbzeit des nur gut zweistündigen Abends in einer oben in die Rückwand eingelassenen Öffnung des Bühnenhalbrunds auf.

Von da hat er einen prima Überblick auf das von Alissa Kolbusch zusammengewürfelte Möbellager unten: Da treffen Duschkabinen auf viele Telefone, ranzige Ledersitze auf einen Hometrainer. Und mittendrin extemporiert Jule Böwe als Penelope abgekämpft im Wartesaal ihres Lebens, wobei sie nicht müde wird zu betonen, dass es eigentlich ihre, also Penelopes, Geschichte ist, die hier erzählt werden müsste. Vielleicht aber auch die ihres Sohnes Telemachos, der gerne beeindrucken möchte, doch immer ist da einer, der besser Klavier spielt. Und also fügt Matthias Matschke sich in diese Rolle, die er von folgsam bis schmollend mit Jüngelchen-Komik randvoll füllt, und zieht brav ab, wenn Mama ihn zum Zähneputzen schickt.

David Marton hatte gute Gründe für seine Stückwahl: Text und Musik stehen erstens in außergewöhnlich enger Beziehung zueinander und zweitens ist diese Oper musikalisch so vage notiert, dass Kalle Kalima und Co. fröhlichen Herzens Bach auf Blues treffen lassen können und beim Möhrenschneiden auf dem Holzbrett die dazugehörige Percussion produzieren. Die Technik ist ebenso einfach wie bestehend: Marton zerlegt die Oper zunächst in ihre inhaltlichen Einzelteile, destilliert die Zentralthemen und setzt sie neu zusammen, so dass am Ende Text und Musik wieder gleichberechtigt sich zu einer eigenen Form zusammenpuzzeln. Es gilt, Zitate von Homer, Giacomo Badoardo und Péter Esterházy zu entschlüsseln und zeitgeschichtliche oder kontextuelle Anspielungen zu sortieren.

Da erlebt etwa der Homersche Rat der Götter seine Renaissance als Manager-Meeting, in dem das Vermarktungspotenzial des Odysseus hart verhandelt wird. Dieser Abend fühlt sich a, wie ein in die Gegenwart verschobenes großes antikes Wimmelbild mit Audio-Spur. Dass Odysseus irgendwann wieder zuhause am Tisch sitzt, nimmt übrigens kaum einer zur Kenntnis. Am Abendessen, zu dem sich alle wie schon anfangs wieder am großen Tisch versammeln, nimmt Odysseus dann auch gar nicht mehr teil. Es ist, als wär er nie zurückgekehrt, alles wie immer. Nur dass dieses Mal das Essen besser ist. Kalle hat gekocht, es gibt Möhrensuppe.

Schaubühne am Lehniner Platz,Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. Tel. 89 00 23. Nächste Termine: Heute, 30. und 31. Januar, 20 Uhr.