Bühne

Harald Schmidt: Scheitern, Lästereien und Größenwahn

Im Grunde sei sein Berufsstand ja sehr unseriös, sagt Claus Peymann auf der Bühne des Berliner Ensembles, deswegen könne man das Erlebte eben nur in Anekdoten erzählen. Jene mit Pointen. Aber das Tolle sei, diese Anekdoten führten dann immer auch in die Abgründe des Theatermachens und ließen seine Theorien hervor treten.

Bevor der Intendant des Berliner Ensembles in einem übergroßen schwarzen Anzug, der ein wenig an den Schlafanzug einer luxuriösen Seniorenresidenz erinnert, auf die Bühne tritt, hat das Publikum 90 Minuten lang diesen Anekdoten zugehört. Und es hat kräftig gelacht. Erzählt werden sie in dem Film "Scheitern, scheitern, besser scheitern", der am Abend seine deutsche Premiere feierte. Für diese Dokumentation hat Kulturimpressario André Heller den Moderator und Schauspieler Harald Schmidt zusammen mit dem Schauspieler Gert Voss an einen Holztisch gesetzt und hat sich unterhalten lassen. Ein Raum, zwei Bilder an der Wand, zwei Männer, zwei Gläser Wasser und eine Fliege umschwirrt auch einmal die Köpfe. Und die beiden unterhalten sich über das, was sie umtreibt: das Theater.

Schmidt, der mit 45 Jahren als bester Nachwuchsschauspieler ausgezeichnet wurde und sich, was sein Können betrifft, selbst als "Größenwahnsinnig, aber realitätsbegabt" bezeichnet, tritt Voss mit angenehmer Ehrfurcht entgegen. Er habe den Burgschauspieler "bombardiert wie ein Groupie", sagt Schmidt, nachdem Peymann die beiden Hauptdarsteller ebenfalls auf die Bühne bat. Er erinnert ihn an das Auto, das Voss damals fuhr und in das Schmidt, als Schauspielschüler, neugierig blickte. Fragt nach, wie Voss sich vorbereite - er redet sich "Geduld, Geduld, Geduld. Zeit lassen, nicht hetzen" zu. Fragt ihn, wie es war, mit großen Regisseuren wie George Tabori, Peter Stein, Peter Zadek und auch Peymann zusammen zu arbeiten. Und Voss erzählt in liebevollen Lästereien, in amüsanten Parodien von den Eigenheiten auf und vor der Bühne. Wie er sich blamierte, vor dem jüdischen Regisseur den Juden spielen zu müssen, wie schlimm es war, die Regieanweisung Zadeks umzusetzen und sich am Bühnenrand selbst einzureden, er sei der schönste Mann der Welt. Oder wie er bei der "Faust"- Inszenierung am Burgtheater mal vier Meter in die Tiefe stürzte, eine Strafe sei das gewesen, weil er eben vorher nicht so glücklich über die Zusammenarbeit war. Aber sein ganzer Beruf bestünde eben nur aus Scheitern, und mit dem könne man auch gut leben.

Im Publikum sitzen Damen, die bei jeder von Schmidt genannten Inszenierung laut nickten, ehrfürchtige junge Menschen, Schauspielschüler vielleicht. Voss und Schmidt sitzen in der ersten Reihe und lachen über sich selbst auf der Leinwand und über diese abgründigen Geschichten. Wie Peter Stein seine Schauspieler mal in einer Jugendherberge mit Doppelstockbetten übernachten ließ und selbst in einem erstklassigen Hotel logierte.

Schmidt freut sich spitzbübisch über diese Geschichten und legt seine eigenen nach. Seine sind die glamouröseren, mit einem Tick spitzerer Pointe, weil er immer auch vom Showgeschäft und nicht aus den Theaterkantinen erzählt. Und die eine weitere Anekdote erzählt Gert Voss dann noch auf der Bühne, es ist eine aktuelle von Claus Peymann, mit dem er gerade zusammen probt. Der Regisseur sei in Zorn geraten und habe seinen Assistenten ziemlich laut zugeschrien: "Ich bin zwar alt, aber ich bin gut!" Und vielleicht geht es bei den Geschichten nur darum, dass man die Zeit genutzt hat, sie zu sammeln. Egal, welche Abgründe sie auch aufzeigen.