Fotografie

Und plötzlich ist der Mars zum Greifen nah

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Gabriela Walde

Der Drucker steht gerade still im weiträumigen Düsseldorfer Atelier von Thomas Ruff. Eine Zigarettenlängen-Zeit, um über seine "m.a.r.s."-Mission zu sprechen. Von den hell leuchtenden Sternen am Firmament ist Ruff in seiner brandaktuellen Serie, die er in der Berliner Johnen Galerie präsentiert, diesmal zum Mars gestartet - dem vierten Planeten in unserem Sonnensystem.

6800 Kilometer im Querschnitt. "Alles Autobiografie", sagt der Künstler.

Schon als Kind hätte er ein Faible für die Astronomie entwickelt, erzählt er. Als das Abitur heranrückte, stand sogar Astronomie als Studienfach zur Debatte. Dann wäre er vielleicht irgendwann selbst in den Himmel geflogen, aber wie wir wissen, studierte der junge Typ dann doch lieber Fotografie in der legendären Hilla-und-Bernd-Becher-Klasse in Düsseldorf und wurde Mitte der 1980er-Jahre durch seine porentief-klaren Porträts in Großformat bekannt. Die Lust am Universum aber blieb bis heute, ebenso wie die Suche nach immer neuen Bildverfahren, die Wahrheitsgehalt und Authentizität von Fotografie allgemein untersuchen.

Es mag paradox klingen, aber Ruff fotografiert längst nicht mehr: "Die letzten richtigen Aufnahmen entstanden vor einem Jahr". Aber das waren private Kinderporträts. Sein wichtigstes Arbeitsinstrument ist der Computer. Und der Drucker. Für seinen "Sterne"-Zyklus besorgte er sich Negative aus der Europäischen Südsternwarte, die Pornos seiner "Nudes" fischte er aus dem Internet, auch für die Serie der "jpegs" griff er aufs Netz zurück. Die dort versammelten Bilder zur 9/11-Katastrophe, dem Crash der Twin Towers, vergrößerte er so stark, das die Pixel-Motive gänzlich unscharf wurden.

In der "m.a.r.s"-Serie arbeitete er quasi im Umkehrschluss. Die an Präzision nicht zu übertreffenden Dokumentationen, mit einer extrem hochauflösenden Hirise-Kamera gemacht, fand er, als er wieder einmal auf den Seiten der Nasa surfte. Eines der Arbeitsgebiete der US-Bundesbehörde für Luft- und Raumfahrt umfasst das exakte Kartografieren der gesamten Oberfläche des Planeten. Die Satellitenfotos entstanden aus einer rein senkrechten Perspektive, Ruff transformierte sie in eine leichte Schrägsicht mit verblüffendem Effekt. Der Betrachter fühlt sich wie ein Flugzeugreisender - in direktem Anflug auf den Mars. Elf Motive hat Ruff bei der Nasa herausgefiltert. Noch eine Veränderung nahm der Künstler, Jahrgang 1958, vor - die ursprünglichen Schwarzweiß-Aufnahmen kolorierte er in zurückhaltender Farbigkeit und siehe da, das wissenschaftliche Material entwickelt eine erstaunliche künstlerische Ästhetik.

Das wird noch durch das fast kosmische Ambiente in der Galerie Johnen unterstrichen - hier ist alles weiß, vom Boden bis zur Decke. Ein Gefühl der Schwerelosigkeit stellt sich ein. Und so steht der Besucher vor den Fotografien - und die Tableaus (Preis: 70 000 Euro) scheinen auf einmal wie abstrakte, pastose Malerei. Bis auf das winzigste Staubkorn ist hier jedes Detail zu erkennen, genauso wie die schattenartigen Sandverwehungen oder kleinste Risse in den dunklen Kraterrändern. Doch nie sind Ruffs Serien nur Ergebnis einer nüchternen Dokumentation, sie öffnen stets auch die Tür zum Staunen, kratzen an der Oberfläche der Erscheinung.

Künstlerische Manipulation? Das Wort mag Ruff gar nicht hören, negativer Beigeschmack. Alteration, der englische Begriff für Veränderung, passt ihm da besser ins Konzept. Letztlich habe er den Charakter der Himmelslandschaften nur umgestaltet. Und schließlich spielt auf dem Mars die Zukunftsmusik. Die Serie wird fortgesetzt. Ruff stellt den Drucker wieder an. Vielleicht werden es 30 Bilder oder 60. "Vorlagen gibt es ja genug!" Der Künstler weiß, Entgrenzungen gibt es nicht nur im Weltall, sondern auch in der Fotografie.

Johnen Galerie, Marienstr. 5, Mitte. Tel. 27 58 30 30. Bis 13. 11., Di-Sa 11-18 Uhr.