Theater

Gewalt ist keine Lösung - brüllen hilft auch

100 Minuten! Mehr Zeit bracht Michael Thalheimer nicht, um die "Die Weber" von Gerhart Hauptmann auf die Bühne des Deutschen Theaters zu bringen. Die ersten vier Akte sind klug und stark komprimiert, beim fünften räumt der Regisseur einer Figur viel Raum ein: dem alten Hilse. Der gläubige Weber, der Gewalt ablehnt und die Hoffnung auf ein besseres Leben ins Jenseits verlagert, wird zu einer Heilsfigur: Der Schuss, eine verirrte Kugel aus dem Lauf eines Soldatengewehrs, der den alten Hilse (Jürgen Huth) zum Schluss trifft, ist nicht zu hören. Still sinkt der Weber in sich zusammen.

Das Elend, die soziale Not, der Hunger - sie stehen im Mittelpunkt von Thalheimers Inszenierung, die berührende Momente hat, wenn Katrin Wichmann als Mutter Baumert sich den Aufständigen anschließt: Sie kann ihren Kindern nichts zu Essen geben, weil sie nichts hat. Den zweiten Aspekt des Dramas, den politischen, den drückt Thalheimer an der Rand: Ihn interessieren nicht die Folgen der Globalisierung, Aufstände wie den in Tunesien oder die erfolgreichen Revolutionen, die vor 20 Jahren zum Zusammenbruch des Sozialismus geführt haben. Dabei legt das Bühnenbild diese Assoziationen durchaus nahe: Olaf Altmann hat eine steile Treppe ins Deutsche Theater eingebaut, die an die legendären Stufen von Odessa in Eisensteins sowjetischer Revolutionsfilm-Ikone "Panzerkreuzer Potemkin" erinnert.

Auf der Treppe treffen die Kontrahenten aufeinander: Unten stehen die Weber, die ihre Ware abliefern und sich lautstark über den Preisverfall beklagen, in der Mitte Expedient Pfeifer (stark: Moritz Grove) - und oben taucht schließlich Fabrikant Dreißiger auf: Ein aalglatter Managertyp mit weißen Hemd, Krawatte und eleganten Schuhen. Ingo Hülsmann balanciert mühelos zwischen Selbstmitleid ("ich zahle selber zu"), humanistischer Geste (wenn er das ausgehungerte, zusammengebrochene Weber-Kind die Stufen hoch trägt) und Abgebrühtheit. Denn Schuld an der Misere haben schließlich andere: der Markt, die Konkurrenz.

Der Kaiser kündigt seine Loge

Zur Karikatur wird die Fabrikantengattin: Isabel Schosnig steht mit panisch aufgerissenen Augen im fleischfarbenen Glitzerkleidchen (Kostüme: Michaele Barth) auf der Treppe. Frau Dreißiger kann überhaupt nicht verstehen, warum der Pöbel ihr Haus stürmen will und erinnert damit an Marie Antoinette, die dem hungernden Volk zur Zeit Königs Ludwig XVI. empfahl, Kuchen zu essen, wenn es für Brot nicht reicht. Die Folgen sind bekannt.

Als Vorlage für sein Sozialdrama diente Hauptmann der Weberaufstand im schlesischen Eulengebirge von 1844. Der Dichter reiste 1891 zur Recherche für sein Sozialdrama an die entsprechenden Orte. Durch mechanische Webstühle und billig importierte Baumwolle waren die Arbeitslöhne gefallen, es herrscht bittere Armut und Arbeitslosigkeit. Der Weber-Aufstand wird dann schließlich - wie bei Hauptmann auch - vom Militär niedergeschlagen.

Die Geschichte des Stücks ist eng mit dem Deutschen Theater verknüpft: Adolph L'Arronge, Intendant des Hauses, hatte 1892 beim Berliner Polizeipräsidenten von Richthofen eine Aufführungserlaubnis beantragt: Sie wurde mit der Begründung untersagt, hier sei "die ganze Staats- und Gesellschaftsordnung der Zeit, in welcher die Handlung sich abspielt, als des Bestehens unwert geschildert und die Beteiligung am Aufstand als Pflicht des tüchtigen Menschen hingestellt." Es sei zu befürchten, dass das Stück durch die intensivierende schauspielerische Darstellung auf dem Theater einen "Anziehungspunkt für den zu Demonstrationen geneigten sozialdemokratischen Teil der Bevölkerung Berlins bieten würde". Das Argument, dass die Preise im Deutschen Theater so hoch seien, dass kein zu Gewalttätigkeiten neigendes Publikum sie zahlen könne, zog erst später. L'Arronges Nachfolger Otto Brahm durfte das Drama als zweite Eröffnungspremiere seiner neuen Intendanz zeigen. Der Kaiser reagierte prompt auf die Premiere am 25. September 1894: Er kündigte seine Loge im Deutschen Theater.

Vergleichbare Reaktionen sind nach der Donnerstags-Premiere der "Weber" unwahrscheinlich, es sei denn, Abo-Inhaber regen sich auf, weil sie nicht alles verstehen. Denn bei Thalheimer sprechen die Figuren ihr Theater-Schlesisch frontal ins Publikum, vorzugsweise brüllend. Um die Stimmbänder von Norman Hacker, der den Anführer Moritz Jäger spielt, und Peter Moltzen (Bäcker) darf man sich sorgen, während Sven Lehmann als alter Baumert auch mal etwas leisere Töne anschlägt.

Die Inszenierung hinterlässt zwiespältige Gefühle: Formal ein starker Abend, aber die politischen Aspekte, die vermisst man schmerzlich.

Deutsches Theater , Schumanstr. 13a, Mitte. Tel. 284 41 221. Termine: 23., 24., 27.1.