Kunst

"Es handelt sich um Abmalerei"

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Gisela Sonnenburg

Das Leben ist nicht nur gerecht. Und der Kunstmarkt ist besonders hart. Wer einmal falsch entschieden hat, dem kann das zum Bumerang werden - sein ganzes Künstlerleben lang. Der eher unbekannte Berliner Maler Götz Valien, 1960 im österreichischen Salzburg geboren, durchlebt das wieder und wieder: Spätestens, wenn er in der Kantstraße an der "Paris Bar" vorbei schlendert.

Das Lokal mit dem noblen Sortiment war in den 80er- und 90er-Jahren ein von Legenden umwobener Fresstempel: Prominente aus dem In- und Ausland feierten sich hier, mit jener Berliner Dekadenz, die romanfähig war. Unzählige Anekdoten schmückten die Apéritifs, zahllose Gerüchte ergänzten die edlen Gerichte. Besonders gern gesehener Gast des Hauses: Der 1997 infolge seines exzessiven Alkoholkonsums gestorbene Skandalkünstler Martin Kippenberger.

Versteigert für 2,5 Millionen Euro

Durch ihn hat die "Paris Bar" jetzt eine Story mehr. Inhaber Michel Würthle kann die Publicity brauchen. Denn fürs Finanzamt hat er schon das beste Stück Kunst, das je in seinem Lokal hing, zu Geld gemacht: das fast vier Meter breite Gemälde "Paris Bar" von Martin Kippenberger. Nach kurzem Weg durch die Händlerszene brachte das Werk kürzlich 2,28 Millionen englische Pfund (etwa 2,5 Millionen Euro) bei Christie's in London. "Aber eigentlich war es mein Bild. Ich habe es gemalt", verkündet hingegen Götz Valien. Er hat einen trotzigen Unterton in der Stimme: "Wieso soll ich ein Handwerker sein? Dann war Leonardo da Vinci auch nur Handwerker!" Und weiter: "Die Leute zahlen doch die Millionen nicht für eine Idee, sondern für das Bild. Und das Bild ist von mir." Fakt ist, dass Valien in der rührigen Werkstatt von "Werner-Werbung" arbeitet. Dort werden seit 1945 Kinoplakate gemalt, für den kurzweiligen Gebrauch an Berliner Außenfassaden.

1991 oder 1992 - hierüber sind sich die Beteiligten nicht einig - übergab der Künstler Martin Kippenberger an Werner ein überbelichtetes Foto. Das wollte er als Riesengemälde haben. "Er sagte, dass es für den Ort sei, der darauf zu sehen sei, nämlich für die Paris Bar in Charlottenburg", sagt der heutige Firmenchef Michael Werner. Sogar Vorgaben zur Wirkungsweise habe er gemacht: "Es sollte den Raum optisch vergrößern."

Den Deal besiegelten Heinrich Werner, Firmengründer und Vater von Michael, und Künstler Martin Kippenberger bei einer Flasche Wein. Oder auch zwei oder drei. Für die Feinarbeit wurde der junge Götz Valien auserkoren, der immerhin in Wien an der renommierten Hochschule für Angewandte Kunst studiert hatte.

"Aber das Foto von Kippenberger war unzureichend", sagt Valien. Er habe selbst noch etliche Fotos als Vorlage anfertigen müssen und auch die Farbgebung stamme allein von ihm: Orangegelb - statt realistisch nikotinbraun - ist bei ihm die Wand. Und das abgewetzte Leder der Sitzbänke erstrahlt im Bild so rot, als sei es brandneu.

Aber reicht das? Kann so eine Urheberschaft ins Wanken kommen? "Nein", sagt Gisela Capitain, deren Kölner Galerie den Nachlass des Martin Kippenberger verwaltet. "Es ist doch bekannt, dass Kippenberger hat anfertigen lassen", sagt sie. So vergab der damals nur Kennern bekannte Kippenberger schon seit 1981 Aufträge an die zeitweise an Auftragsmangel leidende Werner-Werbung. Kippenbergers Serie "Lieber Maler, male mir..." ist so entstanden. Sie begründete Kippenbergers Ruf als zweiter Andy Warhol.

Vom Polaroidfoto zum Gemälde

Der Künstler fotografierte sich dazu mit einer Polaroidkamera - Kippenberger vor der Berliner Mauer, Kippenberger auf einem Sofa in New York - und ließ danach Leinwände füllen. Bezahlt und eingeordnet wurde das stets wie eine Handwerksarbeit. Was der Künstler auch begründete: "Es handelt sich um Abmalerei", schrieb Kippenberger im Hinblick auf seinen "Meister Werner".

Dass die damaligen Handlanger heute, da die Arbeiten exorbitante Preise erzielen, Bedenken anmelden, ist verständlich. Schließlich sind 1000 DM nicht die Welt, und mehr erhielt Valien für seinen ersten "Kippi" nicht. Auch, als er 1993 das Bild für Kippenberger nochmals malte - und zwar so, wie es in der "Paris Bar" hing, als Bild im Bild - erhielt er nur unwesentlich mehr. Denn die "Schöpfungshöhe", zur Urheberschaft die Voraussetzung, lag nun mal bei Kippenberger.

Würde Götz Valien die Bilder von damals heute noch einmal malen, so wären das sogar Fälschungen, mindestens aber Plagiate. Denn geistiges Eigentum ist genau so geschützt wie materielles. Schließlich kann, wer ein Bild kauft, auch nicht damit anstellen, was er will. Die Lizenzen zum Abdruck etwa, an denen Künstler und ihre Erben bis 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers verdienen, gehören zur Vermögensbildung von schöpferisch tätigen Menschen.

Legenden können dabei pures Gold einbringen: "Der Markt liebt Bilder, die einen Mythos haben", weiß die langjährige Kippenberger-Vertraute Capitain. Um ihre Zuständigkeit als Hüterin des Kippenberger-Werks muss Capitain sich aber keine Sorgen machen: Das Urheberrecht ist eindeutig.

"Mir geht es um die Bilder", sagt Götz Valien. Doch so heftig er sich auch anstrengt, den Mythos Martin Kippenberger zu zerstören - er strickt nur weiter mit daran.