"Der Adel vom Görli"

Ist ja so wahnsinnig gute Stimmung hier

Nein, übernachten sollte man im Görlitzer Park nicht. Das hat Lupo gelernt. Der freundliche Mann mit der Gitarre erzählt dann eine Geschichte, die er mit dem Satz beginnt. "Das mit der Axt war die Krönung." Er wurde nämlich mitten in der Nacht von Rumänen, so genau weiß er das nicht mehr, ausgeraubt.

Ihre Waffe war eine Axt, und die haben sie immer wieder in den Kopf und den Unterleib seines Freundes hineingeschlagen. "Über ein Jahr musste er im Krankenhaus liegen", sagt Lupo, "und heute kriegt er von einer Hilfsorganisation noch 150 Euro im Monat." Aber das reicht ja nicht.

Es ist die vielleicht eindrücklichste Szene in dem Film "Der Adel vom Görli", der ab heute im Kino läuft. Lupo ist einer der sogenannten "Adligen", das heißt, er hat Blaues Blut - blau wegen des Alkohols, daher der Titel. Der Film stellt Menschen vor, die sich fast täglich im Park aufhalten, und ist also ein Zusammenschnitt von Interviews, ohne erkennbare Dramaturgie. Dabei sind solche, die einfach ihren Hund ausführen (und von der Stimmung im Park schwärmen), die hier täglich ihr Bier trinken (weil sie vor allem die Stimmung toll finden) oder, die hier am liebsten Technomusik auflegen (die Stimmung, na, Sie wissen schon).

Einige dieser Interviews sind interessant, vor allem für das Ordnungsamt oder die Polizei. So lernt der Zuschauer den Freizeit-Golfer Bernie kennen, der hier mit richtigen Golfschlägern echte Golfbälle durch den Park pfeffert - mal in Mülleimer, mal in Menschenmengen. Einmal hat er Steffen getroffen, genau in eine Rippe, die schon einmal gebrochen war. Der hat dafür Bernies Gitarre zerstört. Aber jetzt sind sie wieder Freunde, trinken Bier zusammen. Ein anderes Interview soll zeigen, dass eben nicht alle afrikanisch-stämmigen Parkbesucher Drogen verkaufen. Manche kommen einfach - ja, genau - der tollen Stimmung wegen.

Vielleicht ist das auch das Hauptproblem dieser Dokumentation, dass sie die großen Probleme des Unterschichten-Berlins (Alkohol, Drogen, Arbeitslosigkeit, Gewalt) so aufzählt, als gehören diese Dinge eben einfach zu Berlin. Vor einem Jahr versuchte der Film "Berlin: Hasenheide" der Regisseurin Nana A.T. Rebhan eine dokumentarische Annäherung an einen anderen Park, nur wenige Kilometer entfernt. Während sich Rebhan aber zum Thema "Drogenhandel" positionieren musste, hat sich "Görli"-Regisseur Volker Meyer-Dabisch eher auf die "fröhlichen Freigeister" gestürzt, die einfach eine gute Zeit im Park verbringen.

Herausgekommen ist ein Sommerfilm, der Geschichten aus der Gegend zwischen Wiener und Görlitzer Straße erzählt, aber darüber hinaus keine Botschaft hat. Am besten beschreibt das die Szene, in der Lupo von einem Gespräch im Arbeitsamt berichtet. Ein Berater hatte ihm gesagt, dass er ihn nicht für eine geregelte Arbeit geeignet halte. Seine Begründung war: "Sie sind zu authentisch." Er sagt, er habe sich noch nie so verstanden gefühlt.

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