DDR

S-Bahn-Träume in der Mauerstadt

Wieder einmal ist Winter, und wieder einmal ärgern wir uns über die Bahn. Wenig bekannt ist, dass sich bereits vor einem halben Jahrhundert die Sehnsucht nach einer Lösung dieser Probleme mittels Einschienenbahn ausgerechnet in Comics des SED-Staates widerspiegelte.

Während Disneys publizistisches Zentralorgan "Micky Maus" in der Bundesrepublik seit 1951 immer populärer wurde, galten für DDR-Offizielle Comics als imperialistischer Schund. Um diesen dekadenten Produkten des "Klassenfeindes" etwas entgegenzusetzen, wurde im Dezember 1955 die "sozialistische Bilderzeitschrift" "Mosaik" ins Leben gerufen. Deren Schöpfer, der damals einunddreißigjährige Grafiker Johannes Hegenbarth, inzwischen unter seinem Künstlernamen Hannes Hegen eine Legende, war ein großer Bewunderer Disneys. So unterscheiden sich besonders die ersten "Mosaik"-Hefte zum Missfallen der Funktionäre gar nicht so sehr von Dagobert & Co. Die Juniausgabe 1956 ist sogar im Disneymilieu - die Ducks heißen hier Familie Watschelmann - angesiedelt. Im sehr aktuell anmutenden Titel "Die Bimmel-Bummelbahn" karikiert Hegen mit Slapstickeinlagen und anarchistischem Witz Missstände bei der Deutschen Reichsbahn der DDR.

Doch die Enten können sich im Ostcomic nicht behaupten. Zu sehr erinnern sie an das doch zu bekämpfende West-Pendant. Bald müssen sie endgültig knollennasigen Helden, den Digedags, weichen. Zeichnete und textete Hegenbarth die ersten Hefte noch weitestgehend selbst, so formierte sich ab 1957 mit dem "Mosaik-Kollektiv" ein Künstlerteam unter seiner Leitung. Nach turbulenten Abenteuern auf einer Südseeinsel und im alten Rom entführt ein außerirdisches Raumschiff Dig und Dag im Dezember 1958 auf den erdähnlichen Planten Neos.

Abenteuer auf den Großbaustellen

Auf Geheiß der Verlagsobrigkeit hatte nun auch "Mosaik" die ehrgeizigen Wirtschaftsziele der DDR zu propagieren. Ob Eisenhüttenkombinat, Braunkohlentagebau oder Textilfabrik - keine "Großbaustelle des Sozialismus" bleibt von den Digedags verschont. Parallel zu der Science-Fiction-Serie des DDR-Comics erschien 1959 im Staatsjugend-Verlag "Neues Leben", dem auch "Mosaik" zugeordnet war, "Unsere Welt von Morgen." Parteichef Ulbricht erklärte: Dieses "populärwissenschaftliche Buch führt euch vor Augen, welche großen und erfreulichen Veränderungen sich bereits in kurzer Zeit in der Sowjetunion und in den sozialistischen Ländern vollziehen werden."

Doch sowohl die Illustratoren des Bandes als auch die Digedag-Schöpfer standen vor dem gleichen Problem: Wo findet man grafische Vorbilder für technische Visionen des kommenden Jahrtausends? Natürlich dort, wo all die heimlichen Vorbilder des Ostmenschen beheimatet waren: Beim "Klassenfeind". Die Jugendzeitschrift "Hobby. Das Magazin der Technik" lieferte Ansichten futuristischer Zukunftswelten voller Senkrechtstarter, Weltraumtaxis und Automatenrestaurants. Nachdem sich schon der Endelsbacher Nudelfabrikant "Birkel" für sein Reklamesammelbildalbum "Die Welt von morgen" 1959 davon inspirieren ließ, griff man im gleichen Jahr auch in Ostberlin auf "Hobby" zurück.

Schon im Maiheft 1957 las man da den bunt bebilderten Beitrag "Einschienenbahn wird Wirklichkeit". Zwei Jahre später rasen die Digedags nach dieser Vorlage durch blühende Landschaften. Auch im Personennahverkehr der Hauptstadt der schönen neuen Neos-Welt kommen Einschienenfahrzeuge zum Einsatz. Bezüge zum zukünftigen Ostberlin sind dabei unverkennbar. Anstelle am "Ostkreuz" steigt man am "Zentralkreuz" um. Mit neidvollem Erstaunen verfolgt der BVG-Leidgeprüfte von heute die Dialoge des Comics. Angesichts einer im letzten Moment in den Waggon hechtenden Reisegruppe wundert sich eine junge Frau: "Warum die nur so rennen? Es fährt doch alle zwei Minuten ein Zug." Auf die Frage nach dem Tempo bekommt ein Passagier die Antwort "Zweihundertfünfzehn Kilometer in der Stunde." Endgültig fassungslos hinterlässt uns der Kommentar dieses unzufriedenen Kunden: "Lahmes Vehikel! Warum verkehren hier keine Schnellzüge?"

Die Künstler im Atelier in der Karlshorster Waldowallee versuchten, die ihnen in diesen Heften immer wieder aufgedrängten Zugeständnisse an die Politik zu entschärfen. So schleicht selbst im "Mosaik" der unvermeidliche Westspion durch die Zugabteile. Allerdings erinnern die Skulpturen dieses angeblichen Bildhauers an das HB-Männchen. Dessen Erfinder, der Trickfilmzeichner Roland Töpfer, war aus dem Osten der Stadt nach Westberlin übergesiedelt, wo seit 1957 seine amüsante Zigarettenwerbung über die ersten Bildschirme flimmerte. Solche subtile Anspielungen waren den leitenden Verlagsgenossen auf die Dauer nicht entgangen. Aufgebracht kritisierten sie die Kinderzeitschrift (!): "Die Parteilichkeit für den Sozialismus, für die Sieghaftigkeit unserer Sache als Ausdruck des gerechten Kampfes der Werktätigen ist völlig ignoriert." Zur heimlichen Genugtuung der von permanenter Bevormundung entnervten Künstler müssen die Digedags im August 1960 den erdähnlichen Planeten verlassen. Ihren bis heute anhaltenden Ruhm begründen vor allem spätere Abenteuer als Knappen des Don-Quixote-ähnlichen Ritters Runkel. Inzwischen sind alle 223 bis 1975 unter der Federführung von Johannes Hegenbarth entstandenen Hefte wieder in Sammelbänden erhältlich.

Die Träume früher "Mosaik"-Jahrgänge gingen nie in Erfüllung. Die S-Bahn gehörte der DDR-Reichsbahn. Nach dem 13. August boykottierten sie die meisten Westberliner als Symbol eines verhassten Regimes. Eine Umrüstung auf die Einschiene erwies sich als unrentabel. Unter den Bedingungen der nun endgültig geteilten Stadt wären die damit verbundenen Eingriffe eines SED-Staatsbetriebes in die Infrastruktur Westberlins ohnehin undenkbar gewesen. Die Einschienenbahn blieb ein Traum.

Der Autor ist Literaturwissenschaftler und lehrt an der Humboldt-Universität