Geitels Geschichten

Bloß nicht auf Nummer sicher

Wenn junge Komponisten zum ersten Mal ihre eigenen Werke in der Öffentlichkeit hören, geraten sie, kein Wunder, leicht ziemlich außer sich. Sie sind überrascht von sich selbst. Sie sind überrascht von ihrer Arbeit. Sie sind überrascht davon, wie es nun weitergehen wird und soll. Sie sind für einen kurzen Augenblick kaum noch der Sprache fähig.

Es ist, als sei ab sofort für Zeit und Ewigkeit die Musik ihre einzige Sprache geworden.

Es war in einem Studio des RIAS, dass ich auf einen solchen jungen Mann stieß. Er hörte, ganz selbstverloren, gerade die Aufzeichnung eines seiner frühen Stücke ab und war von dem, was er da hörte, ganz hin und hergerissen. Am liebsten wäre er wohl immer erneut der einen oder anderen Linie seiner Komposition nachgegangen. Ich durfte zuhören, zusehen und lernte das große Staunen. Nicht allein über die scheinbare Besessenheit des jungen Mannes, sondern auch über die zupackende Kraft seiner Musik, die alle Vorschriften der herkömmlichen Moderne in den Wind schlug. Der junge Mann war deutlich ein begnadeter Einzelgänger. Es war Wolfgang Rihm.

Ich hatte gerade einen Fernsehfilm über Mäzene gedreht und dabei in Basel Paul Sacher kennengelernt, den Gründer und Leiter des Basler Kammerorchesters und später des Centrum Musicum Zürich, das rasch zu einem einzigartigen Hort der musikalischen Moderne wurde. Ich hatte Sachers Großzügigkeit im Denken und Handeln erlebt und schlug Rihm nun vor, einige seiner Partituren an Sacher zu schicken, in der Hoffnung, er würde sich für sie erwärmen und Rihm daraufhin einen gutfinanzierten Kompositionsauftrag zukommen lassen.

Die Enttäuschung für uns beide kam rasch. Sacher gestand, er wisse mit Rihms Musik wenig anzufangen. Am besten gefiele ihm, dass sie sich von aller mühseligen Zwölftönigkeit fernhielte. Das war's.

Damit aber noch längst nicht genug. Kurze Zeit später erfuhr ich von Rihm, dass er gerade an einem Werk für Sacher arbeite. Der steinreiche Schweizer hatte ihm generös aus der finanziellen Patsche geholfen. Mehr noch: es entwickelte sich eine herzliche Freundschaft zwischen beiden. Werk um Werk entstand nun für Sacher. Rihm rückte damit ein in die beste Gesellschaft. Boulez, Henze, Berio, Kagel, Fortner, Elliott Carter, Aribert Reimann, Morton Feldmann und viele Andere profitierten von Sachers Kennerschaft, Großzügigkeit und Weitsicht.

Damals, als ich beim Filmemachen Sacher an seinem Schreibtisch gegenüber saß, hatte er sich urplötzlich halb umgedreht und in das Regal hinter seinem Rücken gegriffen. Er zog die Handschrift von Strawinskys "Sacre du printemps" heraus. Er hatte sie auf Bitten von Madame Strawinsky sofort nach dem Tode des Meisters erworben. Sie wollte das einzigartige musikalische Denkmal zweifellos in den denkbar besten Händen wissen. Sachers Sammlung wuchs geradezu zu einer Burg des musikalischen Gedenkens heran.

Die Handschrift von Richard Straussens "Metamorphosen", dieses ergreifend grandiose Adieux an das Leben wie an die Musik, besaß Sacher sogar gleich zweimal. Bevor Strauss das Original der Komposition herausrückte, hatte er es eigens für Sacher eigenhändig noch einmal abgeschrieben. Sacher zahlte prompt zweimal den verständlicherweise haushohen Preis. Strauss sah sich nach dem Krieg finanziell verzweiflungsvoll tief in der Klemme. Nicht die Aufführungen seiner Werke, wohl aber die Tantiemenzahlungen fielen aus.

Sacher half dem alten Meister großzügig aus dem Jammer wie auch seinen jungen Kollegen. Rihm, Jahrgang 1952, war unter ihnen der jüngste. Aber gleichzeitig auch einer der rastlos erfindungsreichsten. Rihm betete seine alten, längst sanktionierten Erfolge nicht nach. Er lehnte es ab, auf Nummer sicher zu komponieren. Er griff jedes sich ihm bietende Risiko beim Schopf und ließ sich von ihm in den Erfolg tragen, selbst wenn er dabei die kostbare Hilfe von Anne-Sophie Mutters Violinspiel dankbar in Anspruch nahm. Es wurde mit der Zeit geradezu eine Kunst, von Rihm enttäuscht zu werden. Ausgerechnet über diese aber verfügte er nicht und versuchte auch nicht, sie zu ertrotzen.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern