"Black Swan"

Was eine Tänzerin mit einem Wrestler verbindet

Primaballerina verliebt sich in Choreografen, der ihr eine Traumrolle geschenkt hat. Sie wird mit Preisen überhäuft, bekommt ein Kind von ihm und verlobt sich. So könnte die klischeesatte Handlung für den neuesten Ballettfilm lauten, ein zähes Subgenre der Kinohistorie, das wenige Großtaten zu verzeichnen hat, aber immer wieder mal auf die Leinwand drängelt.

Doch diesmal ist es die amouröse Dreharbeiten-Wahrheit, die bezaubernderweise der gerade mit dem Golden Globe ausgezeichneten, hochschwangeren Natalie Portman und ihrem Herzensmann Benjamin Millepied widerfahren ist. Wobei deren Film "Black Swan", der morgen in die Kinos kommt, sich noch weit tiefer und wohliger im Klischee suhlt. Und trotzdem triumphiert.

Eine Tänzerin für zwei Rollen

Darren Aronofsky traute sich auf den glatten Ballettboden. Der 41-jährige Regisseur steht eigentlich für bisweilen esoterische Machomovies, in denen eine dauerhippelige Handkamera ganze Kerle jagt. Im vorletzten Jahr wurde seine Wiedergeburt eines Wrestlers zum Triumph für den längst abgeschriebenen, ganzkörperoperierten Drogenfleischklops Mickey Rourke, der diesem ebenfalls einen Golden Globe und Aronofsky den Goldenen Löwen von Venedig einbrachte.

Und nun dekonstruiert Aronofsky mit "Schwanensee" ausgerechnet das berühmteste aller Ballette, verwandelt den Mythos der von einer einzigen Ballerina zu verkörpernden Doppelrolle der zarten Federviehkönigin Odette und deren Negativklon Odile in eine so virtuose wie abgründige, dabei grotesk plakative und immer furios unterhaltende Studie über Phobien und Bipolarität, krankhaften Ehrgeiz, Frigidität, Manipulation und Konkurrenzkampf: ein hinreißend beschleunigtes Spitzenschuhdrama, bei dem nicht nur im Pas de Deux die Fetzen und die Federn fliegen.

"Die Geschichte könnte überall spielen", wehrt Aronofsky im Gespräch freilich jeden Tanzfilmverdacht ab, "die Ballettwelt mit ihrer Enge, ihrem starren Regelwerk und ihrer erdrückenden Tradition ist aber ein wunderbar atmosphärischer Abenteuerspielplatz. Auf den ich mich als fremde Welt lustvoll eingelassen habe. So wie auch mein Komponist Clint Mansell. Der hat keinen klassischen Background und durfte trotzdem einer der populärsten Partituren zerrupfen. Das hat tierischen Spaß gemacht. Doch wir wollten den gefledderten Vorbildern nicht wehtun, nicht als arrogante Punks dastehen. Unser Respekt wuchs sogar. Tschaikowsky ist ein grandioser Dramatiker. Auch und gerade in seiner verbogenen Form beweist er flügelschlagend seine Kraft."

Trotzdem übertragen sich in "Black Swan" die Qualitäten aus "The Wrestler" aus dem Ring auf die Bühne: eine klaustrophobische Welt aus Garderoben und Trainingsälen in den Eingeweiden eines Theaters, die sich in der verschachtelten Wohnung fortsetzt, in der die junge Nina (Natalie Portman) mit ihrer autoritären Mutter (Barbara Hershey) einzig für deren gescheiterte Tänzerinnenträume lebt; dazu eine wild zuckende, in Spiegel stierende Kamera "als Folge des körperlichen Kampfes, Kunst zu kreieren" (Aronofsky).

Nur die Szenenfläche der Ballettproduktion verheißt hier Weite und Freiheit. Genau da muss allerdings die überforderte Nina zeigen, dass sie Odette und Odile ist, wird die so ersehnte Premiere zum Showdown. Was die "Schwanensee"-Autoren im 19. Jahrhundert nur erahnten, verdichtet sich hier zum surreal übersteigerten Psychodrill, der zum Thriller mutiert. All die bekannten, tausendmal gesehenen Backstage-Zutaten (die sich zudem in der Tanzvorlage brechen) werden überraschend neu angerührt: Ballett als Lebensersatz, als dauerhungernde Askese samt Blut, Schweiß und Tränen. Die lauernd undurchsichtige Rivalin (Mila Kunis), die mit Alkohol, Drogen und lesbischen Seitensprüngen lockt, die abgehalfterte Ex-Primaballerina (genial gemein gecastet: Winona Ryder). Die überehrgeizige Mutter, der Choreograf und Kompaniechef als Übervater, böser Zauberer und berechnender Liebhaber (mit Spaß an der Übertreibung: Vincent Cassel).

90 Prozent sind echte Portman

Das halluzinogene Gebräu aus Grand-Guignol-Versatzstücken, mörderischem Melodram, einem Suspense, der mehr de Palma als Hitchcock ist und der umkippt in parodistischen Horror, funktioniert nur, weil der Polanski-Fan Aronofsky wagemutig über dem Kolportagegraben tänzelt, mit offensiv penetranter Symbolik, dynamischer Bildsprache und diabolischem Soundtrack den absurd lächerlichen Plot kostümiert. Und weil er die ideale Hauptdarstellerin hat. "Frühere Tanzfilme oft daran, das selbst berühmte Ballettstars vor der Kamera ihren Nimbus verloren, oder das ein großer Kinoname zu offensichtlich nicht wirklich tanzen konnte", so Aronofsky. Natalie Portman aber hat beides: die Aura einer magersüchtigen, komplexbehafteten, als Frau und Mensch zurückgebliebenen Tänzerin, die Schönheit und die dramatische Kraft einer Kinogöttin. Trotzdem musste sie, die bis zu ihrem13. Lebensjahr Ballettunterricht hatte, sich kasteien und üben, üben, üben. Den Rest besorgten Millepieds energetische Choreografie, ein Double und digitale Retuschen. "90 Prozent sind echte Portman", so Aronofsky, aufgepeitscht zu Hysterie, Selbstverstümmelung und Wahn. Totale Identifikation also, bei der wohl zielgenau im Oscarrennen platzierten Darstellerin wie auch bei ihrer immer mehr mit der Schwanenfrau verschmelzenden Rolle. Ein wenig "All about Eve", gekreuzt mit "Carrie". Nur dass hier kein Schweineblut fließt, sondern in einem albtraumrosa Kinderzimmer aus Frauenrücken Schwanenfedern sprießen.

Ist "Black Swan" also Ballettfilm oder choreografierter Amoklauf? Aronofsky sagt es richtig: "Es ist kein Film über Ballett, aber ein Film, der nur durch dieses Ballett so erzählt werden konnte."