Berliner Kritiken

Das Prekariat droht: Kleinert inszeniert Gorkis "Nachtasyl"

Die einen sind noch nicht das, was sie mal werden wollen. Die anderen lange schon nicht mehr das, was sie mal sein wollten. Im Studio der Schaubühne werden sie aufeinander losgelassen. Die jungen Studenten der Schauspielschule Ernst Busch und die Gestrauchelten, die Mittel- und Erfolgslosen aus Maxim Gorkis Drama "Nachtasyl".

Unter der Regie von Peter Kleinert, Leiter der Abteilung Regie an der Hochschule, fördern sie dabei zutage, dass die Nähe größer ist, als vermutet. Das Prekariat, das sie spielen, ist eins, das auch ihnen blühen könnte: "19 staatliche Schauspielschulen gibt es, 80 private", wird hier summiert. Und jede spukt jedes Jahr neue Absolventen aus, da bleibt nicht genug Arbeit für alle.

Immer schwebt sie mit, diese zweite Ebene und tatsächlich hat Gorki in seinem schon 1902 erschienenen Text die Saat für diese Herangehensweise durchaus gelegt, indem er unter die Heruntergekommenen, die in einem billigen Elendsquartier ihr Dasein fristen, neben arbeitslosen Handwerkern, kranken Weibern und einem abgewrackten Ex-Baron auch einen namenlosen, versoffenen Schauspieler mengt. Fast das gesamte Stammpersonal bleibt erhalten, die ohnehin handlungsarme Geschichte aber wurde drastisch eingekürzt und vor einem kahlen raumhohen Halbrund radikal aktualisiert. Obwohl Theater über Theater oft im selbstreferenziellen Sud köchelt, hier funktioniert das hervorragend, weil das Stück genau so eben nur genau von den Newcomern der Branche gespielt werden kann.

Die Leistung des elfköpfigen Ensembles (plus Manfred Effinger am Akkordeon) ist naturgemäß durchwachsen. Auffällig ausgewogen agiert Patrick Bartsch in der Rolle des Wanderers Luka, der im ausgebeulten grauen Anzug pastorales Gutmenschentum und Mitgefühl ins Lager bringt. Von den anderen aber, das ist das Los des Utopisten, als Lügner empfunden wird. Allein beim Schauspieler, dargestellt von Bernardo Arias Porras, dem zweiten herausstechenden Akteur des Abends, kann er landen mit seinen Bekehrungen. Dem zittert das dünne Bärtchen herzzerreißend verheißungsvoll bei seinen Schritten in ein neues Leben.

Aber natürlich, so viel Gorki muss sein, endet alles ganz furchtbar deprimierend: Es gibt eine dahingesiechte Krebstote, einen ermordeten Vermieter, einen davongelaufenen Luka. Und vom Schauspieler bleibt nach seinem Selbstmord nur ein Absage-Brief, mit dem Schaubühnenbriefkopf oben drauf und den Worten "....wünschen wir Ihnen für Ihren weiteren beruflichen Werdegang viel Erfolg...- mit freundlichen Grüßen, Thomas Ostermeier." Im wahren Leben hat er's auf genau diese Bühne ja nun immerhin schon mal geschafft.

Schaubühne am Lehniner Platz /Studio, Kurfürstendamm 153, Wilmersdorf. Tel. 89 00 23. Termine: 21. und 22. Januar um 19.30 Uhr; 20. Februar, 20.30 Uhr