Berliner Kritiken

Christian Tetzlaffs spielt seine Stradivari voll innerer Ruhe

Christian Tetzlaff (44) Geige spielen zu hören, ist eine Reise wert; viel weiter jedenfalls als bis in die Philharmonie. Dort trat er jetzt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin auf und hatte zu allem Überfluss auch noch einen hervorstechenden Neukömmling am Berliner Pult mitgebracht: den Engländer Jonathan Nott, Herr über die unter seiner Leitung schier unaufhaltsam aufstrebenden Bamberger Symphoniker.

Nicht nur als zuverlässiger, aufmerksamer Begleiter von Tetzlaff im a-Moll-Violinkonzert von Schostakowitsch verstand er sich auszuzeichnen, sondern vor allem durch seine funkensprühende Musikalität, die Werkverständnis mit interpretatorischem Temperament verband.

Selten trifft Gutes so gut zusammen. Schostakowitsch schrieb sein 1. Violinkonzert nach dem Krieg, in der kurzen friedvollen Pause vor dem Neubeginn der Verfolgung durch die Kulturhäscher Stalins. Die Uraufführung des weit dimensionierten Werkes musste aber aus Sicherheitsgründen bis zum Tod des Diktators warten. Dann erst durfte der große David Oistrach, der Widmungsträger des Werkes, Schostakowitschs ungebrochene und unentmutigte musikalische Leistung dem russischen Publikum vorstellen. Das Konzert versteht, gleich mit dem einleitenden Nocturne, träumen zu machen und im anschließenden Scherzo gleich darauf das Publikum wieder aus diesen Träumen zu reißen. Es setzt ein grandioses, immer erneut steigerungsfreudiges Widerspiel wie zwischen Nacht und Tag.

Tetzlaff bringt für die kräftig auszuspielenden Gegensätze Entscheidendes mit: innere Ruhe und denkbar virtuosestes Spiel. Er dichtet die lyrischen Passagen aufs Versunkenste nach, als hätte er seinen Geigenbogen sicherheitshalber zuvor in edelste poetische Tinte getaucht. Dann aber gibt er sich und seiner Stradivari den mitreißend virtuosesten Lauf und jagt schier wollüstig der unvorstellbarsten Fingerfertigkeit nach, die Schostakowitsch pausenlos aufsprühen lässt. Sie macht die Zuhörer annähernd verrückt vor Begeisterung. Sie feierten Tetzlaff mit Volldampf.

Zurückhaltender gaben sie sich nach der 1. Sinfonie von William Walton. Zu Beginn der dreißiger Jahre entstanden, versucht sie mit aller Kraft, in der damals über Europa ausgebrochenen musikalischen Neuzeit heimisch zu werden. Sie keilt nach allen Seiten kräftig aus, ohne sich da oder dort eingemeinden zu können. So kobolzt sie sich mit den Schlussakkorden geradezu in die Lächerlichkeit. Gegen die anzudirigieren, war selbst Jonathan Nott bei all seiner Begabung nicht gegeben.