Theater

So lustig sind Ehekrisen nun auch nicht

Seit Thomas Ostermeiers "Nora"-Inszenierung müssen sich alle Regisseure der entscheidenden Frage stellen: Wie enden? Bei Ibsen verlässt Nora ihren Mann und die Kinder nach jahrelanger Ehe zu Weihnachten und wirft zum Abschied die Haustür dröhnend ins Schloss.

Eine gescheiterte Ehe, zudem beendet von der Frau, das war im ausgehenden 19. Jahrhundert ein Skandal.

Ostermeier wählte 2002 an der Schaubühne eine nicht minder radikale Variante: Bei ihm erschießt Nora ihren Gatten, der effektvoll kopfüber ins riesige Aquarium fällt. Bei Herbert Fritsch - der frühere Volksbühnen-Schauspieler inszenierte den Klassiker 2010 in Oberhausen - sitzt Nora nach einem Tänzchen auf der leeren Bühne. Sie macht den Schoß breit, um die Sterntaler aufzufangen, die vom Himmel fallen. Ein märchenhaftes, ironisch grundiertes Finale, denn bei Ibsen entwickelt sich das ganze Drama nur, weil Nora nicht mit Geld umgehen kann.

Und bei Jorinde Dröse? Die 35-Jährige, seit dieser Spielzeit Hausregisseurin am Maxim Gorki Theater, kündigte im Vorfeld ihrer "Nora"-Premiere ein Ende an, dass die gängigen Beziehungs- und Rollenmuster ordentlich durcheinanderwirbelt. Ein buntes Sterntalerbild ziert zwar das Programmheft, aber märchenhafte Züge trägt ihr Schluss nicht: Nora streitet mit ihrem Mann Torvald im dichten Schneegestöber darum, wer wen verlassen hat. Eine nicht unentscheidende Frage fürs Selbstbewusstsein. Dazu führen die beiden eine Art Tanzkampf auf. Um auch den letzten Rest Ernsthaftigkeit zu brechen, lässt die Regisseurin die Helmer-Kinder den Streit vom Wohnzimmer aus beobachten. Sie sprechen schließlich selbst den finalen Dialog der Eltern - die Worte allerdings gehen bei der Premiere am Sonntagabend in einem Lachanfall der Kinder unter.

Der dürfte zwar unfreiwillig gewesen sein, passt aber gut zu der Inszenierung, in der die Rolle der Kinderfrau ebenso gestrichen ist wie eines der drei Helmer-Kinder, obwohl von dem am Anfang noch geredet wird. Dröse vertraut dem Drama nicht - und erreicht dadurch auch nie die Fallhöhe, die diese Geschichte braucht, um glaubhaft zu funktionieren. Immer wieder streut sie Regieeinfälle und Gags ein, die in ihre Dichte mehr befremdlich wirken. Bühnenbildnerin Susanne Schuboth, die auch die Kostüme entwarf, hat einen mit einer 70er-Jahre-Tapete ausgestatten Raum entworfen, der mit wenigen Requisiten bestückt ist - mit einer Kühlschrankmusiktruhe und zwei Stühlen: einem riesengroßen und einem ganz kleinen. Weh dem, der Symbole sieht!

Aus der zentralen Schiebetür wird flugs eine Drehtür, die zu allerlei Slapstick-Nummern einlädt, bei denen Torvald Helmer (Peter Kurth) noch die beste Figur macht. Andreas Leupold legt als todkranker Dr. Rank eine hübsche Lasso-Nummer mit einem Stromkabel hin. Hilke Altefrohnes Nora ist kein Püppchen im Goldenen Käfig, sondern ein durchaus selbstbewusstes Plappermäulchen.Und Erpresser Krogstadt (Gunnar Teuber) lässt sich erst durch die Versprechungen von Kristine Linde besänftigen, die Anja Schneider anfangs als Prototyp einer freudlosen, pflichtbewussten, sich selbst aufopfernden Frau gibt.

Zwei pausenlose Stunden dauert die Aufführung im Gorki. Natürlich hat Thomas Ostermeier die Latte für "Nora"-Inszenierungen hoch gelegt. Aber Jorinde Dröse reißt sie im ersten Versuch.

Maxim Gorki Theater Am Festungsgraben 2, Mitte. Tel. 20 22 11 15. Termine: 19. und 29. Januar; 11. und 17. Februar, 19.30 Uhr.