Wolf Jobst Siedler

Berlin ist sein Schicksalsort

Zu Wolf Jobst Siedlers Lieblingsbüchern zählen Fontanes "Stechlin" und Thomas Manns "Zauberberg" und, wenig überraschend, Ricarda Huchs Städte-Porträts "Im alten Reich". Die Sammlung ist 1927 erschienen und breitet, gewissermaßen in einer Vorahnung des Kommenden, noch einmal das ganze Panorama urbaner Vielfalt aus, die im Bombeninferno des Zweiten Weltkrieges ausgelöscht wurde.

Den Untergang seiner Heimatstadt Berlin hat Wolf Jobst Siedler in seinen Memoiren eindringlich beschrieben. Wollte man Siedlers Tätigkeit als Publizist, Verleger und Autor qualifizieren, könnte man sie als Beschwörung des Verlusts beschreiben. Schon die Titel seiner bekanntesten Bücher - "Trauer um den verlorenen Schmerz", "Der Untergang Preußens", "Der lange Abschied vom Bürgertum" - signalisieren, dass hier dem Projekt der Moderne mit Skepsis begegnet wird.

Den Konservatismus bekam der 1926 Geborene gleichsam mit der Muttermilch eingeflößt. Der Vater war Diplomat im kaiserlichen Dienst und verkehrte mit Aristokraten und dem Berliner Großbürgertum. Zum Nationalsozialismus hielt er Distanz, und Antisemitismus hatte in seinem Haus, in dem die Frau des Physikers Hahn verkehrte, die versteckte Juden mit Lebensmittelkarten versorgte, keine Chance. Diese antinazistische Prägung ist ihm dann fast zum Verhängnis geworden: Als 17-jähriger Marinehelfer wurde er zusammen mit Ernst Jünger, dem ältesten Sohn des Dichters, wegen regimekritischer Äußerungen zur "Frontbewährung" in Norditalien verurteilt. Bewegend schildert Siedler in seinem Erinnerungsband "Ein Leben wird besichtigt" die Verhandlung vor dem Militärgericht und die Todesängste in der Gefängniszelle. Jüngers Sohn fiel bei Carrara, er selbst geriet in britische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst 1947 nach Berlin zurück.

Die neu-alte Hauptstadt ist bis heute Siedlers Schicksalsort geblieben. Hier studierte er Philosophie, Soziologie und Germanistik, hier wirkte er von 1955 bis 1963 als Feuilletonchef des "Tagesspiegel", und hier übernahm er die Leitung so renommierter Verlage wie Propyläen und Ullstein und gründete 1980 schließlich einen eigenen, den Siedler-Verlag. Gegen die Geschichtsvergessenheit der bundesdeutschen Wohlstandsgesellschaft, in der auch die deutsche Teilung als Normalität hingenommen wurde, setzte er als Verleger ambitionierte Editionen wie die "Propyläen Weltgeschichte", das 18-bändige Werk "Die Deutschen und ihre Nation" oder die Reihe "Deutsche Geschichte im Osten Europas".

Sein größter verlegerischer Erfolg war zweifellos die Hitler-Biografie seines Freundes Joachim Fest, die zum Weltbestseller wurde. Neben der preußischen Geschichte gehörte die Architekturhistorie zu den Feldern, die Wolf Jobst Siedler als Autor beschäftigen. Schon mit seinem Buch "Die gemordete Stadt" hatte er Architekturkritik als Epochendiagnose betrieben, den "Brutalismus" der Nachkriegsarchitektur als Niedergang der bürgerlichen Kultur gebrandmarkt. Seelenloser Fortschrittswahn und zerstörerische Stadtplanung gingen Hand in Hand, klagte er. In der deutschen Nachkriegsgesellschaft wollte Siedler sogar Spuren der nicht endgültig überwundenen Volksgemeinschaft erkennen.

War sein Buch "Die gemordete Stadt" bei Erscheinen 1964 für viele Kritiker ein reaktionäres Ärgernis, so zeigt die Hinwendung zur Postmoderne seit den achtziger Jahren, dass Beton-und-Glas-Funktionalismus nicht mehr hingenommen wird. Siedler hätte seiner Philippika so gesehen ein Wort des von ihm verehrten Ernst Jünger voranstellen können: "Der Krieg zerstört die Städte bis zum Grund, die moderne Architektur zerstört sie von Grund auf." 1998 hat Siedler seine Architekturkritik erneuert, jedoch auf Berlin beschränkt. Seine Essays über "Glanz und Elend der Hauptstadt" sind, typisch für seine Haltung gegenüber Berlin, eine Melange aus Liebe und Unbestechlichkeit.

Memoiren wurden zu einem Markenzeichen des Siedler-Verlages, in dem Willy Brandt, Helmut Schmidt, Franz Josef Strauß, Bruno Kreisky und Richard von Weizsäcker veröffentlichten. Die Genannten verkehrten ganz selbstverständlich auch in seinem elterlichen Haus am Falkenried in Dahlem, in dem Siedler seit seiner Kindheit wohnt. Hier feiert er heute seinen 85. Geburtstag.