Theaterkritik

Ein Stück für Kabul: Hinterm Hindukusch geht's weiter

Viel aktueller kann Theater nicht sein. Am Tag der Verlängerung des Bundeswehr-Mandats in Afghanistan hatte am Hans Otto Theater "Potsdam - Kundus. Der schwierige Weg zum Frieden in Afghanistan" Premiere: Der dokumentarische Theaterabend von Clemens Bechtel stellt den Beschluss des Bundeskabinetts gewissermaßen in einen größeren Diskurs-Zusammenhang.

Bechtel variiert dabei seine Methode, die ihn bei "Staats-Sicherheiten", diesem ergreifenden Stück über die Opfer des DDR-Staatsterrors, den Friedrich-Luft-Preis 2008 einbrachte. Für "Potsdam - Kundus" hat der Autor und Regisseur mit vielen Experten gesprochen. Unter anderem kommen frustrierte Entwicklungshelfer, geschockte Ärzte, verunsicherte Soldaten, ein in Deutschland rekrutierter Heiliger Krieger und ein grabredender Verteidigungsminister zu Wort. Meistens auf der Videoleinwand.

Im Gegensatz zu "Staats-Sicherheiten", wo die Betroffenen selbst ihre Geschichten erzählt haben, tritt diesmal nur ein Laie auf. Die 1975 in Kabul geborene und jetzt in Berlin lebende Terishkova Obaid als Stimme der afghanischen Bevölkerung. Ansonsten zitieren Schauspieler (Friedemann Eckert, Christoph Hohmann, Nele Jung, Marcus Kaloff, Michael Schrodt und Friederike Walke) aus dem Recherchematerial und spielen Szenen nach. Wie den Dialog zwischen Bundeswehr-Oberst Georg Klein und den US-Bomberpiloten, die ihre tödliche Fracht auf die beiden im Flussbett steckengebliebenen Tanklastzüge abwerfen sollen. Ein Fall, der Schlagzeilen machte. Immer wieder fragen die Piloten nach, ob nicht zur Warnung erst im Tiefflug über die Menschen hinwegdonnern sollen. Klein dringt auf eine schnelle Lösung. Eine Minute dauert es noch bis zum Abwurf: 60 Sekunden lang passiert nichts auf der Bühne. Quälende Stille, die sich in die Köpfe der Zuschauer frisst. Eine Schweigeminute zum Gedenken an die unschuldigen Opfer.

Diese Szene zählt zu den stärksten der knapp zweistündigen Inszenierung, der etwas unter der Materialfülle leidet. Das illustriert sogar die von Till Kuhnert gestaltete Bühne: an drei Seiten begrenzen Stellwände mit Zeitungsausschnitten die Spielfläche, außerdem gibt es jede Menge Aktenordner in Rundregalen. Regisseur Bechtel versucht, das Afghanistan-Problem in der ganzen Breite zu erörtern. Eine Zuspitzung hätte dem politischen Abend gut getan.

Hans Otto Theater Potsdam (Spielort Reithalle), Schiffbauergasse/Berliner Straße. Tel. 0331-98118. Termine: 27.1.; 18. und 19.2.