Berliner Kritiken

Musikalischer Ausflug in die Welt des Wahnsinns

Jesusbräute gab es im Mittelalter tausende, der womöglich berüchtigtste Fall jedoch ereignete sich im 17. Jahrhundert. Eine junge Adlige aus Angers, die sich Louise du Néant nannte, vollbrachte Exerzitien der Selbsterniedrigung.

Da sie das Objekt ihrer Begierde, Jesus nämlich, nicht ins Bett holen konnte, feierte sie eine 'mystische Hochzeit' und ließ sich von ihm die unglaublichsten Kasteiungen auferlegen.

Brice Pauset, Kompositionsschüler eines der letzten Genies zeitgenössischer Musik, des 1998 verstorbenen Gérard Grisey, hat aus diesem Sujet ein Monodram gemacht; die Staatsoper zeigt "Exercices du silence" in einer frugalen Inszenierung Reinhild Hoffmanns. Pausets Vorhaben, die Abscheulichkeit und den Ekel dieser Vorgänge musikalisch wiederzugeben, scheiterte ehrenvoll - dazu hätte man wohl einen Dieter Bohlen beauftragen müssen... Die Sound-Samples und knirschend verdrehten Artikulationen der Protagonistin sind zu eindringlich geraten, als dass sich Hörer angewidert abwenden müssten. Nicht einmal richtige Langeweile will sich während der knapp 60 Minuten einstellen. Zum würdevollen Gelingen trägt die Sopranistin Salome Kammer nicht wenig bei; sie verzichtet auf jeden Exhibitionismus und stellt die stimmliche Akrobatik in den Mittelpunkt. Die perverse Demutslogik der Jesusbraut bleibt einem dadurch zwar verborgen, dafür gewinnt Louise du Néant, auf deren Briefen das Libretto beruht, das Profil einer autonomen Künstlerin, die sich ihre eigene Welt des Wahnsinns erschafft. Resümee: ein diskutables Drama, kompositorisch belangvoll. Französischkenntnisse empfohlen!

Staatsoper-Werkstatt , Bismarckstraße 110, Charlottenburg. Tel. 20 35 45 55. Termine: 18., 20., 22. und 23. Januar, jeweils 20 Uhr