Literatur

Die Ablagemoral des Siegfried Unseld

Bei Wissenschaftlern, die in Archiven forschen, gibt es diese kleinen ekstatischen Momente. Da geht plötzlich so etwas wie ein Stromstoß durch das vegetative Nervensystem, an dem sich der Gelehrten-Akku für ganze Semester wieder auflädt.

In den archivierten Unterlagen des Suhrkamp-Wissenschaftslektorats gebe es aus jüngerer Zeit nicht so viel Aufregendes, sagt Bernd Stiegler, einst stw-Programmleiter, heute Germanist in Konstanz. Ach, ja, außer vielleicht diese "wunderbare Mikrokorrespondenz" mit Michel Foucault: "Herr Bürger, haben Sie das schon gefunden?" Bzzzz - Stromstoß.

Das war natürlich etwas gemein von Stiegler, von 1999 bis 2007 bei Suhrkamp und inzwischen übrigens S.Fischer-Autor. Der angesprochene Jan Bürger betreut nämlich in Marbach federführend das für geschätzte fünf bis sieben Millionen Euro erworbene Suhrkamp-Archiv, und so wird seine Aufgabe für die nächsten Jahre darin bestehen, genau solche Fundstücke in gut 9000 Archivkästen aufzustöbern, die jetzt nur unsortiert und jedenfalls unerschlossen die Hinterlassenschaft des wichtigsten Verlags der Bundesrepublik bergen (und auch die des Insel Verlags, dessen nicht minder spannende Geschichte bis zur Jahrhundertwende zurückreicht).

Stiegler hatte vor seinem kleinen Elektroschock gesagt, so manche der grünen Kästen lohnten gar nicht erst das Öffnen. Eine Aussage, die Bürger als Angriff auf seinen Berufsstand, gar als "Kulturbanausentum" empfand. Dabei hatte Stiegler aus der Perspektive des Insiders ja nur vor dem Irrglauben warnen wollen, sämtliche verlagsinternen Entscheidungsprozesse und jede Kommunikation zwischen Lektoren und Autoren seien schriftlich dokumentiert und rekonstruierbar. Theorie der Kommunikation hin oder her, auch in einem Verlag wird vieles zwischen Tür und Angel entschieden, und außerdem gibt es Telefone schon etwas länger als die Edition Suhrkamp. Aber die viel wichtigere Frage ist, warum die Nachwelt überhaupt interessieren sollte, wie es genau zur Veröffentlichung des stw-Bandes Nummer tausendsoundsoviel gekommen ist.

Im Fall des Suhrkamp-Archivs könnte der Reiz gerade in der Masse liegen. Natürlich wird es hier tolles Material zu einzelnen Autoren geben. Doch neben den Nadeln ist auch der Heuhaufen selbst interessant. Visionen der Tagungsteilnehmer richteten sich auf einen "Historischen Atlas der intellektuellen Kreise Deutschlands", eine Geschichte von geistigen Netzwerken aufgrund von Lektoratsbriefswechseln, oder auch eine "Fieberkurvenanalyse" von Theorie-Hypes, zu der die Verkaufszahlen gerade längst vergessener Werke die Basis liefern könnten.

Suhrkamp konnte nämlich nichts wegwerfen. Der Archivar nennt das anerkennend eine "hohe Ablagemoral"; die gewaltige Papierproduktion dieses Literatur- und Wissenschaftsverlages ist nahezu vollständig überliefert - Manuskripte und Korrekturfahnen, Sitzungsprotokolle und Autorenkorrespondenz, aber auch auf den ersten Blick wenig spannende Dinge wie Kalkulationen, Abrechnungen und Herstellungsunterlagen. Für Historiker und Buchwissenschaftler könnten eben dies elektrisierende Quellen sein. Im Ausnahmefall Suhrkamp will Marbach daher, wie der besitzerstolze Direktor Ulrich Raulff ankündigte, parallel zur Feinerschließung des Materials Forschung ermöglichen. Das Marbacher Archiv wird noch auf Jahrzehnte hin Entdeckungen bereithalten.