Literatur

"Wir wollten keinen Iglu, kein Tipi - es mussten Jurten sein"

Ganz spät am Abend, als die Holztür der Jurte schon verschlossen ist, steht der Berliner Buchautor Jens Sparschuh vor diesem runden, mongolischen Steppenhaus, stopft Tabak in seine Pfeife, schaut auf das Dach des Sony-Centers, raucht und sagt: "Eigentlich dürfte das hier alles gar nicht sein, diese Jurten mitten in der Innenstadt."

Dann vergleicht er das Sony Center mit einem Raumschiff, das jeden Augenblick abheben könnte. "Und dann wären die Jurten noch immer hier", sagt er. "Je länger ich darüber nachdenke: Ganz ähnlich geht es der Literatur in der modernen Welt." Er meint die kleine, runde, mobile Heimat in einer großen, kantigen, technisierten Welt.

Zum zehnten Mal veranstalten Britta Gansebohm vom "Literarischen Salon" und Cerry Reiche von der Werbegemeinschaft Sony Center das viertägige Festival "Geschichten in Jurten". Zum zehnten Mal also ziehen 35 deutsch- und englisch-sprachige Autoren ihre Köpfe ein, wenn sie durch die kleine Tür in die Filzhütten hineinsteigen. Die Lesungen selbst sind kostenlos und die Zuhörer müssen sich nur vorher anmelden. Gemessen an der Menschentraube, die sich abends vor den drei Jurten bildet, wird deutlich, dass die Berliner dieses durch und durch ungewöhnliche Festival angenommen haben.

Janine Bartel hat schon vor Wochen ihre Plätze in der Jurte reserviert. Sie komme sonst nur zum Potsdamer Platz, wenn sie Besuchern von außerhalb Berlin zeigen will, sagt die 32-jährige Lichtenbergerin. "Nur diese vier Tage sind für mich schon seit Jahren fest eingeplant." Die etwas muffige Luft und die Enge des Raumes störe sie nicht. Sie sieht es eher wie einer der Autoren, dessen Lesung sie eben besucht hat. Der hatte gesagt, dass die Atmosphäre etwas von einem Underground-Klub in Ost-Berlin der 80er-Jahre habe, mitten in Batmans "Gotham City".

Die Jurten selbst sind vor zehn Jahren tatsächlich aus der mongolischen Steppe nach Berlin gekommen. "Der russischen Zoll hatte sie damals aus der Transsibirischen Eisenbahn herausgefischt", sagt Veranstalterin Cerry Reiche, "und sie trafen knapp vor der ersten Lesung hier ein." Sie war froh, dass sie Kontakt zu Mongolen in Berlin hatte, die ihr beim ersten Aufbau halfen. Dass die runde Form der mobilen Häuser mit ihren Abzugslöchern in der Mitte entfernt an die Architektur des Sony Centers erinnere, war beabsichtigt. "Wir wollten eben keinen Iglu, kein Tipi - es mussten Jurten sein."

Wenn alle eng zusammenrücken, passen jeweils bis zu 50 Zuhörer in die beiden Lese-Jurten. Daneben gibt es noch eine dritte, die wahlweise "Info-Jurte", "Signier-Jurte" oder "Kommerz-Jurte" genannt wird, je nachdem, wen man fragt. Am Donnerstag und Freitag sind die Vormittage in den kleinen Rundhäusern für Schulklassen reserviert, am Sonnabend und Sonntag könnte es allerdings schon tagsüber so eng werden, wie an den ersten beiden Abenden. Neben der Berliner Buchpreisträgerin Kathrin Schmidt lesen Katja Lange-Müller, Rolf Barth und Harald Martenstein.

Die Programmleiterin Britta Gansebohm hat in diesem Jahr nur "jurtenerprobte" Autoren eingeladen. Und keiner hat abgesagt. Die Autorin Alexa Hennig von Lange ist gern wiedergekommen, weil sie die Atmosphäre in den kleinen Gebäuden mag. Bei ihrer Lesung zum Lyrikband "I love you, I don't love you" kuschelte sich die 9 a des Französischen Gymnasiums in die Kissen und hörte gebannt zu. "Im Unterschied zur Lesung im Klassenraum ist hier die ganze Konzentration wirklich auf den Texten", sagt Alexa Hennig von Lange. Diese Momente der Ruhe haben Schüler häufig nicht mehr." Dadurch entgeht den Zuhörern aber auch wirklich kein Detail, sagt die Autorin. "Wer in der Jurte lesen kann, der kann überall lesen."

Geschichten in Jurten , Potsdamer Platz, Sony Center, heute: 12 - 24 Uhr, Sonntag: 12 - 22 Uhr. Eintritt: frei. Anmeldung unter Tel. 25 75 57 00. www.sonycenter.de