Theater

Berlins neue Nora sorgt für Aufregung im Puppenheim

Unbeirrbar liebt das Käthchen seinen Graf vom Strahl. Hilke Altefrohne spielte ein junges Mädchen, das den unschlüssigen Edelmann entschlossen für sich zu gewinnen suchte - mit unverfrorener Direktheit und allen Mitteln. Sie schießt sogar ihre Rivalin an. Trotzdem wirkte Kleists "Käthchen von Heilbronn" bei Altefrohne wie ein spielendes Kind - naiv, ungelenk und anrührend komisch.

Die Verzweiflungstaten entspringen offenbar einem überwältigenden Gefühl, das dieses Geschöpf nicht begreift, dem es aber mit traumwandlerischer Sicherheit folgt.

Die Inszenierung des Frankfurter Schauspiels zog 2006 mit nach Berlin. Regisseur Armin Petras übernahm die Intendanz am Maxim Gorki Theater und Hilke Altefrohne folgte ihm - gemeinsam mit ihrem Partner, dem Regisseur Peter Kastenmüller, und dem damals gerade geborenen Sohn. Mit Armin Petras arbeitet die 38-jährige seit 1999, als er sie direkt nach der Schauspielschule in Kassel engagierte. 2002 nahm er sie mit nach Frankfurt. "Man ist sehr aufgehoben" sagt sie über die Arbeit mit ihm, "da kann man sich sehr in die eigentliche Sache fallen lassen". Die eigentliche Sache ist für Hilke Altefrohne das Spielen: in neue Situationen gestellt zu werden, auf die sie und ihre Figuren reagieren müssen und in denen sie neue Erfahrungen macht. Das Im-Moment-Sein auf der Bühne, mit den Kollegen.

Sehnsuchtsvoll im Aufbruch

2004 wurde Hilke Altefrohne zur Nachwuchsschauspielerin des Jahres gekürt. In Berlin hat man sie nicht mehr so deutlich wahrgenommen wie in Kassel oder am Main, obwohl sie nach wie vor jede ihrer Figuren auf den Punkt genau gestaltet. Als schwangere Yves Schlee tritt sie in Petras' Ost-West-Umbruchsstück "we are blood" auf. Kaum beginnt sie zu sprechen, merkt man auf: Klar ist ihre Stimme, ihr Sprechen öffnet einen Hallraum, der ihrer Figur über das Gesagte hinaus Kontur verleiht.

Patent und kritisch ist die junge Redakteurin Schlee, aber auch sehnsuchtsvoll im Aufbruch. Altefrohnes Spielweise - ein durchscheinender Realismus. Sie kann auch anders. In Peter Lichts und Jan Bosses schriller Pop-Barock-Adaption von Molières "Der Geizige" krümmt sie als Tochter des knauserigen Hausherrn Harpagon ihre schwarz gelackten Finger zu Krallen und faucht mit gebleckten Zähnen ihren Bruder an, der Papi vergeblich Geld aus den Taschen zu leiern versucht. Eine groteske Puppe mit staubender Perücke. Ihr "ich weiß nich" steigert sich zur Gaga-Oper. In der grenzdebil schielenden Giergesellschaft wirkt sie trotz ihrer Trancezustände recht klar im Kopf. Diese Frau könnte die schimmelnde Erbengeneration aus der Lethargie reißen, wäre sie nicht in ihrem Stuhl eingeklemmt.

Die neue Hausregisseurin Jorinde Dröse hat sich Hilke Altefrohne nun für die Rolle der Nora in Ibsens gleichnamigem Stück ausgesucht. Am Sonntag ist Premiere. "Das Besondere an Hilkes Figuren ist, dass sie sich mit ihrer heutigen Lebens- und Welterfahrung den Rollen nähert und ihnen dadurch eine große Modernität und Poesie verleiht", sagt Jorinde Dröse. "Ich hatte große Lust, Hilke Altefrohne in der Arbeit kennen zu lernen und mit ihr zusammen nach einer heutigen Sicht auf die Figur Nora zu suchen." Eine der großen Frauenrollen im Sprechtheater schrieb Ibsen 1879 mit "Nora oder Ein Puppenheim" - und ein frühes Emanzipationsstück: Nora verlässt ihren Mann, weil ihm seine Ehre mehr bedeutet als die Ehe.

Die Nora ist Hilke Altefrohnes erste große Hauptrolle am Gorki seit dem "Clavigo" 2008. "Nora ist eine bewegte Figur, die bis zum Schluss versucht, dass nicht alles wegbricht, die für Vieles kämpft", erzählt Hilke Altefrohne in der Theaterkantine. Sie lauscht ihrer Aussage einige Momente hinterher und schaut der Gesprächspartnerin dabei aufmerksam in die Augen. Dann blickt sie in die Ferne, summt leise vor sich hin und kräuselt beim Nachdenken über den nächsten Satz die Augenbrauen. "Es kommen immer Leute, die etwas von ihr wollen. Sie verheddert sich in diesen Ansprüchen." Zugleich ist Nora ganz fokussiert. "Das finde ich, ist ihre Stärke: der Glaube an ihren Mann. Sie traut anderen etwas zu."

Mal nölig, mal burschikos

Eine Überzeugte, Vertrauende. Wie das Käthchen. Und wie Hilke Altefrohne: Geerdet, wach und offen wirkt die Schauspielerin beim Gespräch. Sie überlegt ernsthaft, wie ihre Nora werden wird, obwohl diese Frage für sie selbst nicht von Belang ist. "Erst ganz zum Schluss denkt man: So ist es jetzt." Selbst kurz vor der Premiere ist die Nora noch im Werden. Auf der Probe sieht man bei jeder Szenenwiederholung einen anders akzentuierten Vorgang. Altefrohnes Nora ist einmal nölig und quengelt wie ein kleines Kind, dann wieder ist sie burschikos, oder die scheinbar willenlose Puppe, die ihr Mann Torvald (Peter Kurth) lüstern besteigt und die ihrer Freundin Kristine (Anja Schneider) ein ironisches V-Zeichen entgegenreckt.

In Thomas Ostermeiers ikonischer Ibsen-Inszenierung an der Schaubühne brachte Anne Tismer als Nora 2002 kaltblütig ihren Mann um. Jede Berliner "Nora" muss sich seither an dieser Inszenierung messen. Hilke Altefrohne hat nur ein paar Ausschnitte im Fernsehen gesehen. "Das würde einem auch nicht helfen", sagt sie, unbeirrt. Jede Nora ist anders. Vielleicht leiht sie ihrer Verkörperung etwas von Käthchens Beharrlichkeit, oder sie borgt ihr die entschlossen zupackende Emanzipiertheit der Marie aus Goethes "Clavigo". Aber das bleibt Spekulation, oder, wie Hilke Altefrohne sagt: "Das musst Du Dir anschauen."