René Pollesch umspielt die größte Unsinnsidee der Theatergeschichte

Die Vierte Wand ist eine hübsche Erfindung des 18. Jahrhunderts. Bis heute erfreut sie sich großer Beliebtheit. Ausgedacht hat sie sich einst der französische Schriftsteller und Philosoph Denis Diderot: als Schutzwall wider die ungehörige Schauspielersitte, nicht für sich zu spielen, sondern sich direkt ans Publikum zu wenden.

Wo aber, fragt Diderot, bleibt da die Illusion? "Man denke also", rät er, "an den Zuschauer ebenso wenig, als ob gar keiner da wäre. Man stelle sich an dem äußersten Rande der Bühne eine große Mauer vor, durch die das Parterre abgesondert wird. Man spiele, als ob der Vorhang nicht aufgezogen würde." Der Zuschauer soll beim Betrachten der geschlossenen Bühnenfiktion ungehindert mitfühlen, mitleiden, mitweinen können.

Derart emotional berührt werden soll in dem Theater des Theorie-Schnipsel-Regisseurs René Pollesch hingegen niemand, schon gar nicht mit Hilfe der Vierten Wand. Und um gegen sein Lieblings-Feindbild möglichst überzeugend anrennen zu können, hat der Autorregisseur es sich für seinen neuesten Abend "Schmeiß dein Ego weg!" an der Volksbühne ganz real auf die Bühne bauen lassen, wobei Bühnenbildner Bert Neumann die Holzvertäfelung des Parketts perfekt kopiert. Und Pollesch lädt - in Anlehnung an Woody Allens Science-Fiction-Parodie "Der Schläfer", in der ein Mann eingefroren wird und 200 Jahre später in einer totalitären Zukunftswelt wieder auftaut - dazu ein, sich 200 Jahre weiterzudenken, in eine Zeit, in der man sich kaum vorstellen kann, dass die Schauspieler jemals direkt "unter den Augen der Zuschauer" spielten. So wird die Vierte Wand und mit ihr jenes Einfühlungsspiel der bürgerlichen Theatertradition in dieser einstündigen und bemerkenswert unhysterischen, aber auch noch etwas fahrigen Pollesch-Petitesse heiter als die größte Unsinnsidee der Theatergeschichte umspielt.

Nebenbei nimmt er flink noch den aktuellen Gesundheitswahn aufs Korn, wenn er seine Schauspieler Kette rauchen und dabei von jenen "früheren Zeiten" sprechen lässt, in denen man noch dachte, "Schweinshaxen und Zigaretten wären ungesund, und wie wir jetzt wissen, gibt es nichts, was uns ein längeres Leben verleiht". Was wir heute für wahr halten, kann morgen schon der größte Irrtum sein.

Margit Carstensen, zuletzt Protagonistin bei Christoph Schlingensief, wirkt im fließenden Seidenkleid wie ein gealtertes, aber unverändert schönes Double der Woody-Allen-Partnerin Diane Keaton. Die Kostüme von Martin Wuttke (blaue Uniform mit goldenen Epauletten) und Christine Groß (Dirndl-artige Korsage-Tracht) erinnern stattdessen an Filmschnulzen à la "Sissi". Im Entlarvungs-Kampf gegen die künstlichen Emotionen wallt auch immer wieder entsprechende Tränendrüsen-Musik durch den Raum. Und das in futuristischen Weiß-Anzügen steckende Chorkollektiv schmiert sich zur Songzeile "Guten Menschen kommen oft die Tränen" gefühls-imitierendes Glycerin unter die Augen.

Dazu bekräftigt Pollesch seine wohl bekannte These, dass die Seele nichts ist, als "eine Außenbeziehung des Körpers mit sich selbst". "Da drinnen ist nichts", ruft Martin Wuttke aufgeregt und steigt auf das barocke Polster-Höckerchen. "Sensibel sein, das gibt es nicht!" Er rammt sich die Finger gegen die Brust und fährt mit den Händen am Körper auf und ab. "Die Seele ist der Körper!" Doch mit welch verzweiflungsnahem Nachdruckspiel er diese Wahrheit seinen beiden Mitspielerinnen begreiflich zu machen sucht, ist dann doch ziemlich berührend. Als müsse er auch sich selbst immer wieder aufs Neue versichern, dass es bei ihm gar keine inneren Werte gebe, sondern nichts als das körperliche Außen. Bewegend auch der Schlussmonolog von Margit Carstensen: "Gut zueinander sein, das wäre dann die Liebe, die Körper dulden, die Toten da vor uns. Sie nicht einfach vergessen." Wenn sie mit einem Zittern in ihrem alten Körper vom Tod spricht, dann weht ein Hauch Schlingensief durchs dieses Theater. Wir können nicht anders, als berührt sein. Und so erliegt das Pollesch-Theater wieder einmal dem schönen Paradox, im Zuschauerherzen bisweilen eben das zu produzieren, wogegen es mit allem Theorie-Furor anrennt.

Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Linienstraße 227, Mitte. Tel. 24 06 57 77. Termine: 14.; 20. und 30. Januar.