Wilder-Werkschau

Der komplette Billy Wilder

Er hat Marilyn Monroe auf den Lüftungsschacht gestellt. Er hat Jack Lemmon und Tony Curtis in Frauenkleider gesteckt. Er ließ eine im Pool schwimmende Leiche einen ganzen Film erzählen. Hat mit "Nobody is perfect" einen der schönsten Bonmots kreiert. Und just als die Mauer errichtet wurde, gab er schon vor, wie man sie wieder überwinden konnte: indem man Kommunisten zu Konsumenten umerzieht.

Keine Frage: Billy Wilder (1906-2002) war nichts weniger als der erfolgreichste deutschsprachige Regisseur in Hollywood. Weit prägender als spätere Nachzügler wie Petersen und Emmerich. Erfolgreicher aber auch als Fritz Lang, der ein König in Babelsberg war und in Hollywood nur noch ein B-Movie-Fürst. Wilder überragte sogar Lubitsch, für den er einige Drehbücher verfasst hat. Weil er nicht nur, wie jener, ein Experte für das Lustspiel, das Timing, die Pointe war.

Ein Meister in allen Genres

Auch wenn Wilder gern auf die Komödie reduziert wird, weil er hier seine nachhaltigsten Werke schuf, so hat er sich mit großer Stil- und noch größerer Selbstsicherheit in den unterschiedlichsten Genres bewährt: "Frau ohne Gewissen" ist der noirste aller Films noirs. "Boulevard der Dämmerung", die böseste Abrechnung mit Hollywood. "Das verlorene Wochenende", das verstörendste Trinkerdrama. "Reporter des Satans", die zynischste Abrechnung mit den Medien. Und "Zeugin der Anklage", der beste Hitchcock, den Hitchcock nicht gedreht hat.

Ganze 30 Jahre ist es her, dass die letzte große Wilder-Werkschau in dieser Stadt lief, in der seine Weltkarriere begann. Damals, auf der Berlinale 1980, durften aber "Ninotschka" und "Eins, Zwei, Drei" nicht gezeigt werden; die russische Delegation hatte dagegen protestiert. Seither ist viel Zeit vergangen. Und auch wenn die Klassiker im Fernsehen öfter wiederholt werden: Da, wo Wilder hingehört, auf der großen Leinwand, ist er kaum noch zu sehen. Es wird auch immer schwieriger, an gute Kopien zu kommen. Und auf Blu-ray ist noch kein einziger Wilder-Titel zu haben.

So wird es dringend Zeit zu einer Wieder- und Neubegegnung mit seinem Oeuvre. Das ermöglicht nun die große Retrospektive "Be... Billy Wilder", die die Berliner Morgenpost präsentiert. Sie läuft bis 6. Februar im Babylon-Kino in Mitte und wird heute eröffnet mit dem Berlin-Klassiker "Eins, Zwei, Drei". Es ist die vollständigste Werkschau, die es je gab. Der ganze Wilder in 47 Filmen. Das beinhaltet nicht nur all seine 26 Regiewerke, sondern auch alle Filme, zu denen er das Drehbuch schrieb. Bis auf wenige Ausnahmen, bei denen er nur Ideen beisteuerte und ganz froh war, nicht genannt zu werden.

Es gilt hier einige Entdeckungen zu machen. Wilder wechselte eben nicht erst in Hollywood, mit "Der Major und das Mädchen" (1942), auf den Regiestuhl. Schon acht Jahre zuvor, auf der Flucht vor den Nazis und auf dem Sprung in die verheißungsvolle Neue Welt, hat er in Paris, weil sich kein anderer fand, ein Drehbuch, das er mit Max Colpet und Hans Lustig verfasste, selbst inszeniert, mit Alexander Esway als Ko-Regisseur. "La mauvaise graine", eine Romanze im Gaunermilieu mit einer ganz jungen Danielle Darrieux, ist als absolute Rarität zu sehen.

Vor allem aber kann hier das Berliner Frühwerk studiert werden, mit dem Wilder sich in kurzer Zeit ganz nach oben ins Filmbusiness katapultiert hat. Filme wie die Erich-Kästner-Adaption "Emil und die Detektive" (1931) oder "Ein blonder Traum" (1932), eine der schönsten Tonfilmoperetten. Und natürlich "Der Teufelsreporter" (1929): Denn dies, und nicht etwa der Stummfilmklassiker "Menschen am Sonntag", der 1930 entstand, war seine allererste Filmarbeit.

Ein 45-Minüter über einen Sensationsreporter, der über 13 amerikanische Millionärstöchter berichten soll und dabei deren Entführung erlebt. In einer einzigen temporeichen und atemlosen Verfolgungsjagd hetzt dieser Film durch das historische Berlin, an der Havel entlang und über die Avus. Zu Fuß, per Boot, im Rennauto. Bis der Reporter am Ende mit der einen Hand auf die Entführer schießt und mit der anderen seine Reportage durchtelefoniert. Da ist, komprimiert, schon der ganze Wilder enthalten: Das Tempo. Das Timing. Das Gebot "Du sollst nicht langweilen". Originalschauplätze. Die Liebe zur Alten und Sehnsucht nach der Neuen Welt. Der Reporter, der er selber war und in den Zeitungsfilmen "Der Reporter des Satans" (1952) und "Extrablatt" (1974) wiederkehrte. Überhaupt findet man in den frühen Skripts viele Motive, die in seinen Regiefilmen wieder auftauchen. Man findet in ihnen aber auch Bilder von einem Berlin, das längst verloren ist und aufs Schärfste kontrastiert mit den Trümmerfeldern in Wilders letztem Berlin-Film, "A Foreign Affair" (1946).

Der Wiener Berliner im Amerikaner

Zu entdecken ist aber auch der ungewöhnlichste Wilder, die Dokumentation "Die Todesmühlen" (1946). Wilder, der seine gesamte Familie im Holocaust verloren hatte, hat hier zwar nur eine 23-minütige Kurzfassung eines Langfilms erstellt, die zur Re-education der Deutschen diente. Aber diese Aufgabe war ihm so wichtig, dass er eigens für eine Testvorführung nach Berlin reiste. Und hier Aufnahmen seiner einstigen Heimat machte, die in "A Foreign Affair" verwendet wurden.

Hätten die Nazis Wilder nicht, wie so viele großen Juden des deutschen Films, 1933 ins Exil vertrieben, Wilder wäre garantiert dennoch in die USA emigriert. Dann vielleicht nicht mit nur zwei Koffern Gepäck. Dass er dorthin musste, dass es ihn dort hindrängte, war ihm schon in die Wiege gelegt. Er musste am Ende nicht mal seinen Namen, nur einen Vokal ändern. Tatsächlich hat ihn schon seine Mutter im entlegenen Galizien den Namen Billie gegeben. Den "Berliner" im Amerikaner, den Billie Wilder im Billy "Wailder" wieder zu entdecken, das ermöglicht nun diese großartige Retrospektive.