"Green Hornet"

Ein Superheld attackiert lustvoll das eigene Genre

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Peter Zander

Der Comic-Film steckt in einer Krise. Es gibt einfach zu viele Superhelden auf der Leinwand. Allein in diesem Jahr erwarten uns noch Neuzugänge wie "Green Lantern", "Captain America" und "Thor", es gibt zahllose Fortsetzungen wie "Spider-Man" und "X Men".

Ganz zu schweigen von Bat- und Superman, die ja bereits zum zweiten Mal in Kinoserie laufen. Das bedeutet: Comic-Inflation! Wenn alle großen Filmstudios auf die vermeintliche Erfolgsschiene Super-Helden aufspringen, macht sich beim Publikum irgendwann Super-Müdigkeit breit.

Es bedurfte also dringend einer Blaupause. Eines neuen Umgangs mit dem längst ausgelutschten Genre. Nun startet morgen - weltweit am selben Tag - "Green Hornet" in den Kinos, dessen größter Reiz darin besteht, dass man ihn ganz unterschiedlich rezipieren kann: als Film für Sprechblasenliebhaber oder für Sprechblasenhasser. Als Comicfilm und als Parodie auf das Genre zugleich.

Der Held ist gar nicht der Held

Nun war die Grüne Hornisse - bitte nicht zu verwechseln mit dem ebenfalls grünen "Lantern" - schon immer ein wenig anders als die anderen. War der Held doch zunächst ein Radio-Phänomen, das vor ziemlich genau 75 Jahren, am 31. Januar 1936, erstmals auf Sendung ging, bevor es in den 40er Jahren zum Groschenheft wurde und in den 60ern zur TV-Serie. Und der Held war eigentlich ein Anti-Held, kein Superidol, sondern einer, der zwar für das Gute kämpfte, aber von allen für das Böse gehalten wurde - und so von den echten Schurken wie auch von der Polizei gejagt wurde. Also schon mal der richtige Kandidat für ein erfrischendes Aufschütteln, gar für eine Neuerfindung des Genres.

"Hornet" wurde auch nicht mit den üblichen Stars aus dem dramatischen Fach gedreht, mit denen die leichteren, seichteren Comic-Gefilde geadelt wurden, wie zuvor Christian Bale (Batman), Tobey Maguire (Spider-Man) oder Robert Downey Jr. (Iron-Man). Nein, die Hornisse spielt Seth Rogen. Der ist bekannt aus diversen Judd-Apatow-Komödien wie "Jungfrau, 40, männlich, sucht" oder "Superbad", die alle auf eher niedrigem Niveau, also unterhalb der Gürtellinie angesiedelt sind. So was wie Fleisch gewordene Herrenwitze. Man sprach dabei immer einseitig vom Apatow-Witz, obwohl der nicht unwesentlich auch von Rogen mitbestimmt wurde.

Und der Komiker, auch wenn er eigentlich Kanadier ist, ist so was wie das Antlitz des wahren Amerika, des nicht ganz so attraktiven, nicht ganz so schlanken Durchschnittsamerikaners. Immer gibt er einen Couch Potatoe, White Trash, den leicht debilen Verlierertyp. Zugegeben, auch Seth Rogen hat, bevor er in die Maske der Hornisse schlüpfte, ein wenig trainiert; auch er hat etwas abgespeckt. Aber er steht deutlich hinter seinen testosterongestählten Kollegen zurück. Und Rogen, der sich die Rechte an der Hornisse gesichert, das Drehbuch mit Evan Goldberg entwickelt und das Ganze auch noch produziert hat, gewann einen weiteren unvorbelasteten Comic-Quereinsteiger in dem Franzosen Michel Gondry. Der hat Filme wie "Vergissmeinnicht" oder "Anleitung zum Träumen" gedreht, absurd-versponnene Arthouse-Werke, denen man eines garantiert nicht unterstellen kann: auf einen Blockbuster geschielt zu haben.

Sie alle haben daran gearbeitet, um "Green Hornet" konsequent auf Seth Rogen zu trimmen. Letztlich eine weitere dieser leicht infantilen Apatow-Komödien, auch wenn Apatow damit gar nichts zu tun hat. Einmal mehr geht es um Männer um die 30, die im Grunde ihres Wesens immer noch kleine Kinder sind (und auch gar nicht erwachsen sein wollen). Der Superheld als Pubertätsspielerei.

Da müssen nun alle Bat- und Super- und Spidermänner ganz stark sein. Die sind ja alle auf ihre Weise mit schwersten Traumata beladen. Nicht so Green Hornet. Britt Reid, wie der Held heißt, bevor er Held wird, ist ein verwöhnter Tunichtgut, Sohn eines Medienmoguls, dessen Leben immer nur aus Party, Rausch und Frauen besteht. Ein Dauer-Pubertierender, bis Papi stirbt und er eine neue Rolle finden muss. Die Heldennummer ist da auch erst mal nur eine Partylaune.

Und jetzt noch ein Dreh, das Genre gegen den Strich zu bürsten: Der Held ist gar nicht der Held. Sondern sein Sidekick, also der Helfershelfer. Der hat im Comic noch nicht mal einen Kampf-, nur den gewöhnlichen Namen, Kato, er baut nicht nur all die Super-Karossen mit gewissen Extras, die selbst einen James Bond neidisch machen müssen, er verfügt auch über atemberaubende Kampfkünste. Schon in der 60er-Jahre-Serie hat diese Figur der Hornisse ein wenig die Schau gestohlen - und Bruce Lee eine Weltkarriere eröffnet. Im Kino übernimmt diese Rolle nun der taiwanesische Popstar Jay Chou. Und ständig ringen Kato & Reid, Chou & Rogen darum, wer eigentlich der Bessere, der Wichtigere, der Lover für Cameron Diaz ist.

Christoph Waltz als Gegenspieler

Als letztes Schmankerl hat man noch Christoph Waltz mit ins Boot geholt. Einfach weil "Inglourious Basterds" just in der Woche gestartet ist, als "Hornet" in die Startphase ging. Und also lange vor dem Oscar-Hype, der Waltz zum heißesten Österreicher in Hollywood seit Arnie Schwarzenegger machte. Er darf hier den Gegenspieler Chudnofsky geben - einen Schurken in der Sinnkrise, weil keiner ihn für so richtig böse hält. Auch er letztlich ein Spätpubertierender, der seine Rolle noch nicht gefunden hat. Eigentlich sollte den Part ja Nicholas Cage übernehmen. Aber der hat ihn womöglich zu ernst genommen. Waltz zeigt dagegen unmissverständlich, dass er von Comics gar nicht hält. Fast möchte man meinen, er wurde gerade deshalb gecastet.

Hier kommen lauter Antihaltungen zusammen, die offenbar nur eines wollen: das Genre parodieren, ihm das hohle Pathos wegexorzieren und den Comicfilm als das zu entlarven, was er letztlich ist: Jungenskram. Das musste einmal gesagt werden, und das macht "Green Hornet", bei all seiner Albernheit, doch sehenswert. Warum das Ganze aber auch auf 3-D gedreht wurde, erschließt sich dem Zuschauer nicht. Es gibt keine Effekte, die diese Technik rechtfertigen, und das Hintergründige der Parodie wird dadurch auch nicht plastischer. Da ist man doch einer der Blockbuster-Ingredienzien erlegen, die man eigentlich persiflieren wollte.