Theaterkritik

Wie das System Familie versagt - und trotzdem funktioniert

Elena Philipp

Sechs Personen suchen einen Ausweg. Mike, jüngster Sohn der Häusermanns, ist schwul, und weil ihm zuhause niemand zuhört, ist er abgehauen. So beginnt "Der Familienrat" am HAU 3, die erste Theaterarbeit der Filmregisseurin Bettina Blümner.

Bekannt wurde sie mit "Prinzessinnenbad", einer Doku über drei Berliner Teenagerinnen. Auch "Der Familienrat" beruht auf authentischem Material: Blümner begleitete mit der Kamera ein Pilotprojekt deutscher Jugendämter zu Familienräten. Statt von staatlichen Stellen einen Hilfeplan verordnet zu bekommen, suchen die Familienmitglieder selbst nach Lösungen für ihr Problem.

Auch den Häusermanns legte das Amt einen Familienrat nahe. Aus den Filmmitschnitten ihrer Gespräche hat Bettina Blümner gemeinsam mit Dunja Funke und Meike Hauck eine filmlange Textcollage zusammengestellt, die auf der Bühne wunderbar funktioniert. Sechs durchweg überzeugende Schauspieler - in Trainingsklamotten auf und um ein Sofa gruppiert - zeigen, wie das System Familie versagt und trotzdem funktioniert. Mutter Bine (Gina Henkel) hat von vier Männern fünf Kinder. Vier leben bei ihr und Micha (Harald Schott). Die Entfremdung der Eltern ist das eigentliche Problem, nicht Mikes sexuelle Orientierung. Irgendwann steht Micha vom Sofa auf und sagt zu Bine, die sich panisch vor dem Zerbrechen der Familie fürchtet: "Ich habe nicht vor, mich von Dir zu trennen". Endlich klare Worte.

Bis kurz vor Schluss vertraut Blümner ihren sparsamen Theatermittel. Die Sprache spielt die Hauptrolle: In den abgebrochenen Sätzen, den Tiraden und Anklagen äußert sich der Familienirrsinn, werden die Verstrickungen und Abhängigkeiten deutlich. Doch am Ende führen die Darsteller in einer schrillen Choreographie Mikes Cheerleaderfähigkeiten vor, und ein Experte lobt per Videobotschaft Familienräte als "Wunder" der Hoffnung. Die Inszenierung franst unvermittelt aus. Ein Ende wie ein Notausgang.