Geitels Geschichten

Der zweifelnde Komponist

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Immer, wenn eine Komponistenkarriere ins Schlingern geriet, bot sich der Lehrstuhl an einer Musikhochschule oder der Intendantensessel an einem Opernhaus an. Der Schweizer Rolf Liebermann nahm ihn über die Jahre hin sehr erfolgreich an der Hamburgischen Staatsoper ein. Schließend sogar an der Pariser Opéra.

Einer seiner Vorgänger dort war der liebenswürdige Franzose Georges Auric gewesen, einst Mitglied der vielberedeten "Gruppe der Sechs", die sich Jean Cocteau zu ihrem Sprecher erwählt hatte. So war es auch kein Zufall, dass Cocteau sich zum Komponisten der Musik zu seinen Filmen Auric erwählte. Es war überdies eine kluge Wahl. Auric verstand Klang- und Bedeutungsfülle zu vereinen. Der Dresdner Komponist Udo Zimmermann hatte sich gegen alle erdenklichen Widerstände in der DDR durchzusetzen. Seine bloße Existenz, im Abseits von den lärmigen Strömungen der Musikmoderne, imponierte mir schon damals sehr.

Am meisten aber freilich die Tatsache, von der ich erst allmählich erfuhr, dass Zimmermann seine aus Polen gebürtige Frau wiederholt in die Heimat zurückschickte, dort die gemeinsamen Kinder zur Welt zu bringen. In einem polnischen Pass sah er eine gesichertere Zukunft für die Seinen als jedes Dokument der DDR. Ich, der Mann aus dem Westen, konnte mir bei meinem ersten Besuch bei Zimmermann durchaus vorstellen, dass er nichts dringender als Ermutigung brauchte. Er war ein schmaler, zarter, empfindsamer Mann des Jahrgangs 1943, der sich mit aller Kraft komponierend durchkämpfte zur Anerkennung seines Schaffens.

Als er bei der Wiedereröffnung der Dresdner Oper musikalisch nachhaltig zu Wort kam, freute ich mich sehr für ihn. Er stieg auf zum Dramaturgen des Hauses. Er wurde Professor an der Dresdner Musikhochschule. 1990 hievte man ihn in Leipzig auf den Sessel des Opern-Intendanten. Elf Jahre hielt er der Leipziger Oper die Stange. Dann kam Berlin.

Zunächst die Philharmonie, in der man sich genussvoll der Musik Zimmermanns widmete. Dann erstieg er den Intendantenthron der Deutschen Oper. Sein Wirken in Berlin lief auf zwei anstrengende Spielzeiten hinaus. Dann war schon wieder Schluss. Gegen Thielemann, den begnadeten Machtmenschen am Pult, kam Zimmermann nicht auf. Er kehrte in die sächsische Heimat zurück. Zunächst nach Hellerau, das sich in den Spuren Gret Paluccas, der unvergessenen Tänzerin, eine große, international befeuerte Zukunft errechnete.

Die aber hatte sich auf der nationalen Opernebene Zimmermann, bereits erschlossen. Seine Oper "Die wundersame Schustersfrau" erwies sich herzlich erfolgreich. Sie passte in jedes Haus, vom intimen Schlosstheater in Schwetzingen, wo die Hamburgische Staatsoper die Uraufführung herausbrachte, bis zur Staatsoper in Berlin. Damals stand noch die Mauer. Es ist an der Zeit, sie auch gegenüber Udo Zimmermanns Werk endlich voll und ganz niederzureißen.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern