Interview mit Klaus Staeck

Faxen, bis der Freund kommt

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Er steht im Künstlerolymp auf einer Stufe mit Gerhard Richter und galt als deutsche Antwort auf die Pop-Art: der Maler, Objektkünstler und scharfsinnige Ironiker Sigmar Polke. Im vergangenen Juni starb er mit 69 Jahren an Krebs. Jetzt lässt Klaus Staeck, Präsident der Akademie und Polkes langjähriger Künstlerfreund und Verleger, in einer von ihm kuratierten Ausstellung das Universum des Künstlers Revue passieren.

Mit Klaus Staeck sprach Gabriela Walde.

Berliner Morgenpost: Sie waren über vier Jahrzehnte mit Polke befreundet, was nicht immer ganz leicht gewesen sein dürfte.

Klaus Staeck: Es war kein Herr-und-Knecht-Verhältnis, zu keiner Zeit, in keiner Phase. Wir sind uns auf Augenhöhe begegnet. In dem Wunsch, die Kunst öffentlich zu verbreiten, haben wir uns gefunden. Ich hatte mit ihm die Schwierigkeiten, die so gut wie alle hatten. Man erreichte ihn einfach nicht. Davon zeugen die über 100 Faxe an ihn. Ich war einer der ersten Faxbenutzer, und da ich alles aufhebe, denke ich, es war 1999, als das Faxen mit ihm losging.

Berliner Morgenpost: Sie faxten und faxten, und Polke antwortete partout nicht. Das muss verdammt frustrierend gewesen sein.

Klaus Staeck: Jeder hat eine Möglichkeit sich abzuschirmen, - er war ja ein ungeheuer produktiver Mensch. Wenn man weiß, wie Künstler mit hoher Bekanntheit gejagt werden von allen und jedem, da war das für ihn wohl eine Chance, sich freie Zeit zum Arbeiten zu ermöglich.

Berliner Morgenpost: Manche Faxe klingen dramatisch ("warte auf Erlösung!"), dennoch sind sie erstaunlich sachlich gehalten für eine Freundschaft.

Klaus Staeck: Über die Dramatik dieser Faxe kann man sehr viel über unsere Beziehung ablesen. Es gibt ganz wenige, worin Polke sich zurückmeldete. Es hat aber nur einen Fall gegeben, wo ich mal tatsächlich vor verschlossener Tür stand.

Berliner Morgenpost: Nun ja, Sie bettelten Polke geradezu inständig an um einen Termin. Wie gingen Sie mit der Ablehnung um?

Klaus Staeck: Es war keine Ablehnung, es war eine Verzögerung auf das ultimative Datum des Zusammentreffens hin. Das erhöhte die Spannung!

Berliner Morgenpost: Was verband Sie - war es Ironie, Humor oder die Politik?

Klaus Staeck: Die ironische Grundhaltung verband uns und natürlich das politische Interesse. Wenn man Polkes Arbeiten genau betrachtet, sind sie wie eine Chronik der Bundesrepublik. Das konnte man sehr gut sehen in den Ausstellungen in Bonn und Hamburg mit "Wir Kleinbürger". Es war seine Idee, meine Plakate zwischen seine Arbeiten zu hängen. Das war so etwas wie der testamentarische Beleg unserer Freundschaft.

Berliner Morgenpost: Wie politisch war er im Vergleich zu Ihnen?

Klaus Staeck: Ich wäre nicht sein größter Verleger gewesen, wenn er nicht so politisch gewesen wäre. Aber man kann ja politisch sein ohne sich direkt parteipolitisch einzumischen. Nehmen Sie das Künstlerbuch "Bizzare". Da erkennt man schon, wo seine Präferenz lag, jedenfalls nicht auf der konservativen Seite. Ich kann ohnehin nur mit Künstler arbeiten, mit denen mich ein inneres Band verbindet.

Berliner Morgenpost: Wenn es dann mal zu einem Treffen kam, konnte es sein, dass Polke kurzerhand seinen Kopf in Ihren Kopierer steckte, um sich Schwarz auf Weiß zu verewigen.

Klaus Staeck: Wenn wir endlich mal einen Termin hinbekamen, haben wir die Zeit intensiv genutzt, das ging oft über Stunden. Wir sprachen immer über neue Arbeiten. Das war manchmal langwierig.

Berliner Morgenpost: Wie erklären Sie sich, dass Polke in der Kunstöffentlichkeit weniger als politischer Künstler, sondern als Spaßmacher gesehen wurde. Erst die Nachrufe würdigten ihn als politischen Kopf.

Klaus Staeck: Wir leben in einer Zeit, die das Politische möglichst ignorieren möchte. Der Kunstfreund nimmt meist prinzipiell übel, wenn die Kunst irgendwie ins Politische hineinragt. Irgendwann drehten sich alle Diskussionen nur noch um gigantische Auktionspreise. Für diese Klientel war das Politische im Zweifel immer störend. Polkes Arbeit "Wir Kleinbürger", die in der Ausstellung zu sehen sein wird, gehört in die große politische Zeit. Jetzt haben wir eine Watte-Situation. Wir leben zwar in höchst politischen Zeiten, denn es werden Entscheidungen für Jahrhunderte getroffen. Und trotzdem trainieren sich viele das Politische ab, oder haben es sich abtrainieren lassen - und ertrinken in seichter Unterhaltung.

Berliner Morgenpost: Und deshalb hat man das Politische bei Polke verkannt?

Klaus Staeck: Da das Politische heute weniger erwünscht ist, wurde seine Intervention wohl deshalb oft als Spaß interpretiert. Aber er war kein Spaßvogel, sondern ein hoch analytisch arbeitender Künstler, der unsere gesellschaftliche Wirklichkeit auf seine Weise verarbeitet hat. So kann man an seinen Arbeiten eine harte Konsumkritik der Wirtschaftswunderjahre ablesen. Das findet man kaum bei einem anderen Künstler. Nur wenn man das Politische ignoriert, kann man es als Spaß abtun.

Berliner Morgenpost: Gab es nicht einige Momente der Konkurrenz mit Polke dem "Superstar", der für Millionen gehandelt wird?

Klaus Staeck: Nie, Gott sei dank, keine Minute. Konkurrenz ist nicht gut für eine Freundschaft, da wäre ein Bruch wohl unvermeidlich gewesen. Ich machte Plakate in Massenauflage, bald 30 Millionen. Von ihm kamen Bilder und Grafiken. Aber es gab auch eine zehnjährige Pause zwischen uns, es ergab sich so. Aber auch Distanz und Entfernung haben uns nie entfremdet.

Berliner Morgenpost: Dazu waren Sie sich wohl zu nah.

Klaus Staeck: Ich habe schon viele Künstler beerdigen müssen, die ich verlegt habe. Polkes Tod machte mich besonders traurig. Das war wie damals bei Joseph Beuys und Heinrich Böll - Leute, die mich mit geprägt haben, künstlerisch, politisch, emotional. Wir sind einen gemeinsamen Lebensweg gegangen. Künstlerschaft verbindet.

Berliner Morgenpost: Es war damals aber auch eine ganz andere Zeit...

Klaus Staeck: Heute ist es flüchtiger, schneller. Damals gab es eine Kunstmesse, heute gibt es -zig Messen, weltweit. Ja, wir kommen wirklich aus einer anderen Zeit, die letztlich auch intimer und dennoch radikaler war. Man lebte einfach intensiver miteinander.

Berliner Morgenpost: Im Kreise der Akademie können Sie dies ja als Präsident in kleinem Rahmen verwirklichen oder nicht?

Klaus Staeck: Ja, in kleinem Rahmen, aber Beziehungen atomisieren sich. Auch das Netz schafft eine andere Dimension. Einerseits eine fantastische Bereicherung, gleichzeitig auch eine Bedrohung. Wer das leugnet, hat etwas nicht verstanden.

Berliner Morgenpost: ...dass die Welt nicht im www stattfindet?

Klaus Staeck: Dass Menschsein aus so vielen verschiedenen Schichten besteht, die mühsam zu bedienen, und nicht auf Knopfdruck abrufbar sind. Nicht bei sich selbst und nicht bei anderen.

Berliner Morgenpost: In der Akademie können Sie diese intellektuellen Schichten doch pflegen.

Klaus Staeck: Ich versuche das, ja, bin auch Generationsgenosse für viele Mitglieder. Unsere Aufgabe ist es ja auch Dinge zu pflegen, die nicht unbedingt massenkompatibel sind. Dennoch müssen wir uns einem größeren Publikum öffnen, einer demokratischen Öffentlichkeit, die sich uns leistet. Dieser Spagat wird immer größer.