Theater

Ein nackter Psychotherapeut erwacht neben der toten Patientin

Zum Psychotherapeuten gehen gemeinhin Menschen, die ein Problem haben. Sophie Brettschneiders Problem war, dass sie gar keins hatte, nicht im therapierbaren Sinn. Sie war, gibt ihr Therapeut Prof. Dr. Matthes Grebenhoeve, seines Zeichens eine Koryphäe seines Fachs und der Mann für besonders schwere Fälle, fast bewundernd zu Protokoll "ein gesunder, kräftiger, mutiger, empfindsamer Mensch.

Eigentlich machte sie alles richtig". Was wiederum für ihn, den alten Seelenerforscher zum Problem wird. Weil erstens alle seine Mittel versagen. Und weil zweitens die Sache wie folgt endete: Sie mausetot. Selbstmord. Er splitterfasernackt daneben. Nicht aus erotischen Motiven, aus menschlichen, namentlich aus Respekt, weil sie das so wünschte. Aber: Die Boulevardpresse hatte Fotos und Grebenhoeve einen ruinierten Ruf. Die Ethik-Kommission der Psychotherapeuten will eine Befragung, verlangt eine Erklärung. Und bekommt eine, die sich gewaschen hat, eine Verteidigungsrede, die zur Anklage wird, eine Generalabrechnung.

"Der Heiler" heißt dieser brandneue Text von Oliver Bukowski, der in den Kammerspielen des Deutschen Theaters jetzt als boulevardeske Tragikfarce seine Uraufführung erlebte. Ein Monolog, die absolute Königsdisziplin für eine Figur und für ihren Schauspieler. Prof. Dr. Grebenhoeve schlägt sich gerade mal halbwegs wacker. Sein Darsteller, Jörg Gudzuhn, dagegen absolut bravourös. Es ist, nach 23 Jahren Mitgliedschaft im Ensemble des Deutschen Theaters, Gudzuhns offizielles Abschiedsstück. Zuletzt sah man ihn selten am Deutschen Theater, jetzt endlich wieder und wie. Die Zusammenfassung des Abends lautet: Eine durchaus spannende dramatische Ausgangssituation verläppert sich zunehmend ins Schwatzhafte und wird von einem hervorragenden Schauspieler in einem darstellerischen Kraftakt gerettet. Regie führte Piet Drescher, mit dem Jörg Gudzuhn damals, in Karl-Marx-Stadt, übrigens auch seine Theaterkarriere startete, die in über Potsdam nach Berlin brachte.

In einem zum Publikum geneigten, gleißend weißen Guckkasten steht dieser Schauspieler, umgeben von spärlichem Mobiliar. Er trägt dunklen Nadelstreifen-Zweireiher, eine knallrote Fliege. Ein bissiger Zyniker ist Gudzuhns Grebenhoeve, altväterlich auch, wie er mit seinem Inquisitor spricht, dessen Existenz nur durch ein zentral von der Decke hängendes Mikrofon simuliert wird. Ansonsten ist dieser psychotherapeutische Tauchgang einer, bei dem die Supervision ausschließlich via Publikum stattfindet. Er bombardiert uns mit Fachvokabular, pflegt ausgiebig seine Eitelkeiten und Gudzuhn gelingt das Kunststück, dahinter immer wieder mit wenigen Gesten die Verletzbarkeit und ja, auch den im Grunde zutiefst humanistischen Anspruch seiner Figur offen zu legen. Dieser alternde Seelendoktor ist seiner schönen, klugen Patientin in jeder Hinsicht unterlegen und Jörg Gudzuhn ist ihm im besten Sinne haushoch überlegen, weil er ihn als Figur anerkennt und zwar komödiantisch nimmt, ihm aber auch eine Art surreale Würde verleiht. Denn natürlich ist der Professor hier der eigentliche Patient. Weil er erst langsam erkennt, was Sophie schon lange weiß: Dass der, der die Psychopraxis vermeintlich gesund verlässt, da draußen genau an dem zerbricht, was man ihm da drinnen zwecks Heilung eingetrichtert hatte. Sophies Ausweg aus diesem Paradoxon ist Selbstmord. Ihr Dank an ihren Doc noch auf dem Sterbebett groß: "Sie haben mir das Leben gerettet."

Deutsches Theater/Kammerspiele , Schumannstraße 13a, Mitte. Tel. 28 44 1 2 25, Termine: 18. Januar (20 Uhr), 27. Januar (19.30 Uhr) und 27. Februar (20 Uhr).

Der Heiler +++--

Wissen Sie, was ich als erstes dachte, als sie in mein Sprechzimmer kam? Klasse Hintern, dachte ich.

Prof. Dr. Matthes Grebenhoeve, Therapeut