Galerien

Sehnsucht nach den Utopien

Medizinisch formuliert ist Tanja Wagner so etwas wie ein Tropf mit einer Überdosis Vitamine. Diese Frau hat unglaubliche Energie. Das strahlt direkt auf ihr Gegenüber ab. Tanja Wagner, mit 31 Jahren Berlins wohl jüngste Galeristin, nennt ihren Antrieb in Sachen Kunst schlicht einen "unbarmherzigen Enthusiasmus".

Dieser Enthusiasmus war es auch, der zur Eröffnung ihrer lichten, schlichten Ladengalerie in der Schöneberger Pohlstraße, nahe am Wintergarten-Variete, führte. Immerhin 100 Quadratmeter sind dort in dem ehemaligen Skatclub zu bespielen - drunter, etwa mit 50, hätte sie gar nicht erst angefangen. Eine ihrer Qualitäten ist, dass sie vor Widerständen nicht zurückschreckt. Im Gegenteil: das spornt sie an.

Junge Kunst in der Potsdamer Straße

Die Frau weiß, was sie will. Und hat offenbar schnell alle hinter sich. Hier am Galerie-Hotspot "Potse", der Gegend um die eher unwirtliche Potsdamer Straße, zwischen Kleintierpraxis, "Berlin Pizza" und "Hotte's Bunter Bude" gibt es neben altgedienten Kiezstrukturen, etablierten Galerien wie Klosterfelde und Arndt viel neue, junge Kunst zu entdecken. Tanja Wagner wird nicht der letzte Zuzug im Areal bleiben. An dieser Ecke erfahren Realität und Kunst ihre größtmögliche Reibung. Mit fünf jungen Künstlerinnen eröffnete sie ihre Galerie. Oh Gott, eine Frauenausstellung? Nein, sagt sie sehr bestimmt, Frausein und Feminismus seien keine Themen gewesen.

Einen beachtenswerten Karrieresprung hat sie hinter sich, dafür brauchen andere Galerien Jahre. Zehn Tage nach ihrer Eröffnung nahm sie im September letzten Jahres am Art Forum in der Sektion "Fokus" teil, speziell eingerichtet für Galeristen in Startpositionen. Da gab's viel Presse, ein Coverfoto auf einem Kunstmagazin brachte Popularität - und natürlich die quicklebendige Präsenz der aparten, umtriebigen Galeristin mit dem dunkelblonden Kurzschopf. Umsatz? "Ein bisschen", sagt sie. Durch die Messe hätten sich aber gute Kontakte ergeben zu Sammlern und Institutionen, die später in der Galerie gekauft hätten. Die Preise rangieren bei ihr von 1000 bis 25 000 Euro.

Der Vertrauensbonus, den die Kunsthistorikerin genießt, gründet sicher auf ihrer Biografie. Dazu gehören gleichwohl die Lehrjahre bei Max Hetzler. Keck und forsch wie sie ist, hatte sie den renommierten Berliner Galeristen vor Jahren als Studentin in einer Mail gebeten, ihr einige Tipps zu geben, wie man eine Galerie richtig betreue. "Sie werden einmal eine gute Galeristin", schrieb ihr dieser zurück. Recht sollte er behalten. Doch dieser eine Satz machte Wagner so ärgerlich, dass die schriftlich konterte: "Dann helfen Sie mir doch mit einem Praktikum!" Dem konnte sich Hetzler kaum entziehen. Es folgten andere, prominente Praktikumsplätze wie jenes im Centre Pompidou in Paris und im P.S.1 in New York, dem Ableger des Museum of Modern Art (MoMA) in Brooklyn. Über einen absurden Kopier-Job eines Kataloges von Douglas Gordon verschlug es sie einige Zeit später auch in die berühmte Gagosian Galerie in Manhattan. Nach diesen vielfältigen Erfahrungen wurde ihr schnell klar, dass sie in Museumstankern wie dem Pompidou nicht glücklich werden würde. Langwierige Arbeitswege und bürokratische Regularien sind nichts für Tanja Wagner. "Da ist die Arbeit in einer Galerie schneller, die Nähe zu den Künstlern einfach größer", findet sie.

Vielleicht ist sie schon in jungen Jahren so erfolgreich, weil sie nicht nur künstlerisch denkt, sondern ebenso strategisch kalkulierend. Verwaltung, Öffentlichkeitsarbeit, Presse? Keine Fremdwörter für die Jungunternehmerin. Alles gehört zusammen.

Als Galeristin sei sie so etwas wie ein Scharnier zwischen Künstlern, Sammlern, Kuratoren und den Museen, findet sie. Gespür bräuchte man dafür - und eine gehörige Portion Spontaneität. Die jedenfalls musste sie haben, als die 30-jährige Paula Doepfner, die gerade bei ihr ausstellt, beherzt zum Eispickel griff, um eine zu bemalende Galeriewand zu malträtieren. Paula, einst Meisterschülerin bei Rebecca Horn, überzeugt ansonsten mit eher ephemeren Installationen aus Eis und fleischfressenden Pflanzen.

Tanja Wagner hat eine Affinität zu Künstlern ihrer eigenen Generation, die Jahrgänge 1969 bis 1980. Kunst, so ihr Programm, darf nicht mehr wie in der Postmoderne rein kopf- und theorielastig sein, Kunst soll wieder "be-greifbar und erlebbar werden". Dazu zählt Issa Sants flüchtige, zarte Malerei ebenso wie die mit Erinnerung spielende in Berlin und Sarajewo lebende Bosnierin Sejla Kameriæ, die ab 28. Januar ihre erste Einzelausstellung bei ihr in Deutschland bekommt.

"In dieser Generation gibt es wieder das Bedürfnis danach, Geschichten zu erzählen. Es gibt Sehnsucht nach Utopien. Hoffnung", erzählt sie. "Aber das Scheitern beziehen wir durchaus mit ein!" Doch wie es aussieht, wird das Tanja Wagner nicht passieren.

Galerie Tanja Wagner , Pohlstr. 64. Mi-Sa 11-18 Uhr. Tel. 8643 0120.