Musik

Ein Zuhause für Barenboims Traum

Daniel Barenboims neues, an der Französischen Straße gelegenes Musikinstitut wird gleich vis-a-vis des Auswärtigen Amtes liegen. Was beide Einrichtungen verbindet, ist die Verpflichtung zum friedensstiftenden Dialog. Es gehört zum Konzept des in Gründung befindlichen "West-Eastern Divan Institute" (WEDI).

Es ist die Fortsetzung, wenn man so will, und Bodenhaftung des West-Eastern Divan Orchestra, in dem u.a. junge Musiker aus Israel und den arabischen Ländern gemeinsam spielen. Und beiläufig den Frieden in einem leidenschaftlichen Orchester üben müssen. Wobei Barenboim regelmäßig betont, dass das 1999 gegründete WEDO kein Friedensorchester sei, was natürlich alle gern in ihm sehen wollen. Barenboim verweist lieber auf seinen Mitbegründer Edward Said, der von einer "humanistischen Intervention" sprach. Das neue Institut dagegen will eine übergangslose Verbindung von Musik und Geisteswissenschaften herstellen. Es soll eben auch auf eine Lösung des arabisch-israelischen Konflikts hinarbeiten. Mit musikalischen Mitteln, aber auch mit akademischer Bildung.

Ein neuer Konzertsaal in Mitte

Und mit einem Star-Architekten: Frank Gehry hat sich das Objekt bereits im vergangenen Jahr angeschaut, als er mit seinem deutschen Kollegen HG Merz, dessen Büro die Sanierung der Staatsoper Unter den Linden durchführt, das Magazingebäude besichtigte. Gehrys Studenten an der Yale University haben inzwischen einige Entwürfe für Seminarräume und den geplanten Kammermusiksaal erarbeitet. Der neue Konzertsaal soll rund 450 Plätze haben und liegt damit zwischen dem Kleinen Saal im Konzerthaus und dem Kammermusiksaal der Philharmonie.

Das sogenannte Magazingebäude ist Teil des Gesamtkomplexes Staatsoper Unter den Linden - und damit auch Teil der Sanierungsmaßnahme. Im vergangenen Herbst haben die Arbeiten begonnen, sie sollen pünktlich in drei Jahren abgeschlossen sein. Damit das symbolträchtige Datum der Wiedereröffnung der Staatsoper Unter den Linden gehalten wird: der 3. Oktober 2013.

Dass zu diesem Zeitpunkt allerdings auch das Magazingebäude, das sich an das Intendanzgebäude anschließt und gegenüber der Hedwigs-Kathedrale liegt, in frischem Glanz erstrahlt, ist nicht sicher. Die Renovierung der Staatsoper schließt nämlich nur rund 60 Prozent des Magazingebäudes ein. Das erinnert an eine kulturpolitische Posse - und ist letztlich dem fehlenden Geld geschuldet. Zwar finanziert der Bund mit 200 Millionen Euro den überwiegenden Teil der auf rund 240 Millionen Euro veranschlagten Sanierungskosten, aber für den Rest muss das Land Berlin aufkommen. Und weil die Gesamtkalkulation ohnehin als knapp gilt, wollte der Bauherr auf Nummer sicher gehen und wählte die kleinere Variante.

In der Öffentlichkeit erinnerte das Ganze an einen Schildbürgerstreich. Zumal es anfangs vernebelnd hieß, dass im Magazingebäude einfach eine Brandmauer errichtet werde, um die Flächen abzutrennen, für die noch ein Nutzer gesucht wird.

Der stand schon länger in den Startlöchern, wollte aber mit seinem Projekt des Musikinstituts noch nicht an die Öffentlichkeit gehen: Denn auch hier ist das Problem die Finanzierung. Auf rund 20 Millionen Euro werden die Baukosten geschätzt, dazu kommen die Betriebskosten. Beides soll ausschließlich durch private Spenden finanziert werden. Dem Vernehmen nach hat die Barenboim-Stiftung bislang rund fünf Millionen Euro gesammelt. Weder an den Bau- noch an den Betriebskosten will sich das Land Berlin beteiligen, würde aber der Stiftung von Daniel Barenboim dafür bei der Immobilie entgegenkommen. Die könnte zu einem symbolischen Preis verkauft, im Erbbaurecht abgegeben oder verschenkt werden. Letztlich müsste das die landeseigene Stiftung Oper in Berlin entscheiden, erklärte gestern die Senatskulturverwaltung.

Kulturstaatssekretär André Schmitz ist ein Wegbegleiter des Barenboim-Projekts: "Ein Ort der kulturellen Begegnung zwischen Israelis, Palästinensern und Deutschen mitten in Berlin - das ist doch wunderbar." Etwas weniger optimistisch sieht er den zeitlichen Rahmen. Eine Eröffnung der sanierten Staatsoper und des Musikzentrums im Magazingebäude am 3. Oktober 2013 hält Schmitz zwar für wünschenswert, aber "wie realistisch das ist, muss man sehen". So soll etwa im Zuge der Generalsanierung der Staatsoper das Magazingebäude als Baubüro genutzt werden - und könnte dann nicht gleichzeitig umgebaut werden. Und für Schmitz ist klar, wo die Prioritäten des Landes liegen: Bei der pünktlichen Eröffnung der Staatsoper. Schließlich will man sich als Bauherr nicht vor dem Bund blamieren.

Seminare über Konfliktlösung

Derweil kann die Barenboim-Stiftung am Konzept des Musikinstituts feilen. Ein Hauptbestandteil der musikalischen Ausbildung ist die Nähe zur Staatskapelle, dem Orchester des Opernhauses. Die Kapelle stellt bereits jetzt einige Mentoren für die West-Eastern Divan Schüler. Vorgesehen sind künftig rund 40 "Scholars" zwischen 17 und 21 Jahren. Mindestens die Hälfte der Studenten soll aus Israel und der arabischen Welt kommen. Dazu kommen zehn "Fellows" und bis zu fünf "Senior Fellows". Für den Bildungsteil wird bereits an einem eigenen deutsch-nahöstlichen Werkkanon gearbeitet. So sind Filmseminare über Claude Lanzmanns "Shoah" oder Samuel Maoz' "Lebanon", Kunstdiskussionen mit Emily Jacir oder Mona Hatoum, Lesungen mit Raja Shehadeh oder Taha Muhammad Ali notiert. Darüber hinaus soll es Workshops zu zwischenstaatlichen Angelegenheiten, Konfliktlösung und Dialog geben.

Das Musikinstitut wird die zentrale Ausbildungsstätte für das West-Eastern Divan Orchestra, das aber seine Projektwochen weiterhin im spanischen Sevilla abhalten wird. Am 21. August wird das WEDO unter Daniel Barenboims Leitung in der Waldbühne zu erleben sein.