Konzertkritik

Andrea Bocelli jagt in der Philharmonie den Koloraturen nach

Gar kein "Time To Say Goodbye". Nicht einmal "O sole mio". Andrea Bocelli gibt einen schlichten Liederabend in der Philharmonie. Nicht mehr und nicht weniger. Manche Fans sind da schon etwas irritiert. Am Arm seines Klavierbegleiters betritt der blinde Tenor den Saal. Dann steht er steif im Frack am Flügel und lächelt, wenn er Applaus hört.

Der Anfang ist ein wenig gruselig. In Händels zerdehntem "Ombra mai fu" wirken die lauten Töne eher gequält als gestählt. Danach versucht sich der Schmusetenor an Koloraturen. Angeblich studiert er jeden Tag mit einem Gesangslehrer. Ganz sicher hat der Weltstar auch sonst jede Menge Berater. Warum sagt ihm niemand, dass der barocke Ziergesang nicht seine Stärke ist? Man spürt immer wieder seine Höhenangst. Unter manche Töne möchte man ein Stückchen Papier unterlegen. Aber seine Mittellage ist seidenweich. Sie ist sein klangschönes Kapital. Wenn er seiner Stimme keine wilden Sprünge, schnellen Läufe, Höhen oder Tiefen abgewinnen muss, kann er seine Fans begeistern. Gefühlvolle Romanzen sind sein Metier.

Der Tenor aus der Toscana hat viele Pophymnen gesungen. Dabei hat er immer wieder beteuert, dass ihm nur die Klassik und die Oper wirklich wichtig sind. Insofern ist sein Liederabend absolut konsequent. Beethovens Lied "Ich liebe dich" fordert nach 25 Minuten den ersten kleinen Bravoruf heraus. Ruhig und sanft führt er die Melodie zum Applaus. Verständlich präsentiert er die deutschen Liedertexte. "Notte illuminata" heißt sein Programm, das er dreimal in Deutschland und danach als Debüt an der Met in New York vorführt.

Hin und wieder tritt der Italiener in Opernrollen auf. Es waren immer groß angekündigte Ausnahmesituationen. Eigentlich gehört der blinde Tenor in die Welt der Reichen und Schönen, der Crossover-Hitparaden und Glamourpartys, der Papstaudienzen und Fußball-Weltmeisterschaften. Nur er selbst mochte sich mit dem Etikett des Pop-Tenors nie ganz abfinden. Eigentlich ist auch mit seinen rein klassischen Auftritten alles in Ordnung. Der freundliche Tenor hat eine wohlklingende Stimme. Nur ein wirklicher Star ist er in dem Bereich einfach nicht. Das Problem ist im Grunde nur seine laut dröhnende Werbemaschine, zum Beispiel seine offizielle Internetseite. Da wird er als Legende für ein neues Jahrtausend gefeiert, mit Caruso, Gigli und Del Monaco verglichen. In der Philharmonie dagegen hat man die ganze Zeit das Gefühl, einem Liederabend in einem kleinen Stadttheater beizuwohnen. Es klingt alles so ausgesprochen mittelmäßig. Im französischen Repertoire nach der Pause geht Bocelli manchmal gefühlvoll aus sich heraus. Vieles klingt unten dünn und oben angestrengt. Der Tenor ist klug genug, nicht zu versuchen, stimmliche Defizite mit Gefühlsausbrüchen zu überspielen. Er gibt sich ehrlich Mühe und wird nach "La donna e mobile" und zwei weiteren Zugaben am Ende beklatscht.