Wolf Lepenies

Weltenbürger mit Wohnsitz in Berlin

"Ein glücklicher Intellektueller". So beschreibt Wolf Lepenies sein Lebensgefühl am Vorabend seines siebzigsten Geburtstags. Er weiß, mit einem Lächeln, dass er sich damit in Gegensatz rückt zu jener vorherrschend umwölkten Stimmung unter deutschen Sozialwissenschaftlern namentlich der durch 1968 geprägten Generation, die erst langsam nüchterner Betrachtung, unpolemischen Bilanzen und kulturellem Vergleich sich öffnet.

Die scheiternde Moderne gehört zu den Leitmotiven seines Denkens, und diese skeptische Grundeinstellung gibt ihm die Souveränität des Denkens, die sein Werk auszeichnet. Wie sonst könnte man ein Buch verfassen mit dem Titel: "Aufstieg und Fall der Intellektuellen in Europa"?

Deutschland, Frankreich und die Vereinigten Staaten von Amerika sind dem Weltbürger wahlheimatlich vertraut. Hier hat er gearbeitet, geforscht und gelehrt und tut es noch. Er ist zu Hause in der modernen Variante der alteuropäischen Res publica literarum , wo Grenzen und Entfernungen wenig zählen und alle Unterschiede nur den Vergleich bereichern, den Geist erweitern und positiven Ansporn geben. Dass er seit einigen Jahren dem Aufsichtsrat der Axel Springer AG angehört, in deren Verlag auch diese Zeitung erscheint, sei angemerkt.

Geboren am 11. Januar 1941 in Allenstein in Ostpreußen, noch bevor Hitlers europäischer Krieg zum Weltkrieg ausgeweitet war, und im Angesicht der Katastrophen, die noch kommen mussten, zählt Wolf Lepenies sich doch zu einer insgesamt vom Glück begünstigten Generation, vielleicht mehr als es allen vergangenen Generationen zuteil wurde. Die heute in den Siebzigern sind, hatten es sich nicht ausgesucht, in Hitlers Deutschland das Licht einer düsteren Welt zu erblicken. Wer noch die Asche des Todes im Munde schmeckte und sich der vom Feuer erleuchteten Nachthimmel erinnerte, war dankbar, dass das Leben wieder in zivilisierten Bahnen verlief. Vielleicht entstand das Thema der Dissertation über "Melancholie und Gesellschaft", 1969 veröffentlicht, aus solchen Antrieben. Er war früh intellektueller Grenzgänger.

Im Falle des jungen Wolf Lepenies bot die Stadt Koblenz dazu Gelegenheit. Im Studium entschied er sich für eine breite Fundierung, Soziologie als Schwerpunkt, flankiert durch Philosophie und Publizistik. Lepenies aber, nach erfolgter Habilitation und Jahren der Lehre in Berlin an der Freien Universität, ging 1977 nach Paris an eine der aufregendsten Stätten der großen Debatte und lehrte an der "Maison des Sciences de l'homme". Er verband Kultur-, Geistes- und Wissenschaftsgeschichte und vermaß immer wieder die Chancen und Grenzen intellektueller Erkenntnis. Als sein Hauptwerk gilt die Studie "Die drei Kulturen" (1985), die typische sozialmoralische Unterschiede zwischen Deutschland, Frankreich und England herausarbeitet.

Lepenies wusste, wie die meisten seiner Generation, dass man, um die Gefährdungen und Chancen der Moderne zu erfassen, nach Amerika gehen musste. Prägend wurde für ihn, den späteren Wissenschaftsorganisator, das berühmte, in den 30er-Jahren gegründete "Institute for Advanced Study" in Princeton, das Jahr um Jahr ausgesuchten Wissenschaftlern aus aller Welt eine Heimstatt bietet. Es ist der wohl elitärste und liberalste Ort der Welt. Gleichwohl lehnte Lepenies, als man ihm 1984 eine Dauerposition bot, ab und ging nach Berlin zurück - zur rechten Zeit.

Denn in Berlin gab es seit 1981 das Wissenschaftskolleg, auch "Institute for Advanced Study" genannt. Lepenies, inzwischen Ordinarius für Soziologie an der Freien Universität, wurde Ständiges Wissenschaftliches Mitglied. Von 1986 bis 2001 war er Rektor und machte das Institut am Rande des Grunewalds zum großen Tauschplatz der Ideen, begünstigt durch den Fall des Eisernen Vorhangs. In die Politik aber ist Lepenies, trotz mancher Angebote und Verführungen, nicht gegangen. Manchmal klingt es, als bedauere er das. Aber er hätte, was er am wenigsten kann, mit Mittelmaß leben müssen. So bleibt ihm, wie er einmal sagte, "die gelebte Zuneigung zu den Verfassungswerten und zu diesem Land".