Podiumsdiskussion

"Ein Theatermuseum muss sich mit anderen Häusern vernetzen"

Zu den vielen Merkwürdigkeiten der deutschen Hauptstadt, die andere Metropolenbewohner immer wieder bis zur Fassungslosigkeit erstaunen, gehört die Tatsache, dass es hier kein Theatermuseum gibt.

Der letzte Schnickschnack gilt als ausstellungswürdig, beispielsweise die Geschichte der Currywurst. Aber das, was in Berlin wirklich großartig und einzigartig war und zwar über Jahrhunderte hinweg, nämlich das Bühnenleben, das muss mit Brahms singen: "kein Haus, keine Heimat". Das war nicht immer so: Zwischen 1929 und 1943 beherbergte das Stadtschloss eine große theatergeschichtliche Sammlung, aber obwohl viele Exponate den Zweiten Weltkrieg überstanden haben, sind diese ungezählten textlichen und bildnerischen Hinterlassenschriften verteilt auf viele Einzelinstitutionen. Da liegen sie nun, mal besser, mal schlechter erschlossen, und modern vor sich hin. Interessierte können sich wohl Einblick verschaffen in die vielen Nachlässe von Regisseuren, die beispielsweise in der Akademie der Künste lagern oder auch die Bestände anzapfen, welche das theaterwissenschaftliche Institut der Freien Universität aufbewahrt. Aber die ungeheure Magie, die vom Theatererlebnis auszugehen vermag, die kann, wenn eine Inszenierung abgespielt ist, kaum mehr nachvollzogen werden, da es in dieser Stadt für das Theatergedächtnis keine Stätte gibt.

Höchste Zeit, hier endlich Abhilfe zu schaffen - aber wie? Dazu gingen die Meinungen doch sehr weit auseinander, an diesem Sonntagvormittag in der Deutschen Oper. Berufene aus allen möglichen Sparten saßen auf dem von der Journalistin Kirsten Liese moderierten Podium. Immerhin erfuhr das interessierte Publikum auf diese Weise, dass es bereits seit 1994 einen Verein "Initiative für ein Theatermuseum" gibt, der auch bereits Ausstellungen zuwegebrachte, etwa eine Schau zu Theaterbauten des Barock in der Zwinglikirche. Das ist natürlich aller Ehren wert, aber angesichts der Vergangenheit, die diese Stadt vorzuweisen hat, fragt man sich dann doch, ob der Enthusiasmus von Dilettanten und Heimwerkern der richtige Weg ist, um eine Institution zu schaffen, wie sie Berlins würdig wäre. An diesem Vormittag war es jedenfalls dem vielerfahrenen Kulturimpresario und flamboyanten Anwalt Peter Raue vorbehalten, mit der nötigen Grausamkeit ganz klar zu sagen: So geht es nicht. Und: "Ein Theatermuseum muss sich mit anderen Institutionen vernetzen."

Ob der mit Verve aufgezeigte Weg, den Raue wies, erfolgversprechend ist, darf allerdings ebenfalls bezweifelt werden. Raue meinte, der Deutsche Bühnenverein oder auch die Intendantenkonferenz müssten sich mit dem Präsidenten der Akademie der Künste zusammentun und an den Kulturstaatsminister appellieren. Dazu bemerkte Kirsten Harms, ihres Zeichens Intendantin der Deutschen Oper, von der Politik dürfe man gar nichts erwarten. Wo Lobbies fehlen, womit man kein Geld verdienen kann, das interessiere die Politiker nicht. Kann man sich etwa einen Regierenden Bürgermeister vorstellen, der mit dem Projekt eines Theatermuseums Wahlkampf macht? Immerhin ist Klaus Wowereit bekennender Opernfreund und gilt, im Gegensatz zu anderen Landesherren, als kulturaffin. Aber einsetzen tut er sich dann doch nur für eine neue Kunsthalle - als ob die Kunst der Gegenwart nicht längst über genügend Podien verfügte, um sich zu spreizen.

Was wieder mal vor allem fehlt, ist ein charismatischer, gut vernetzter Mensch, der als Lokomotive funktioniert und mit seiner Begeisterung das Fußvolk mitzieht sowie potente Geldgeber überzeugt, was rauszurücken. Was nottäte, wäre eine Art Wilhelm von Boddien für die Geschichte des Berliner Theaters! Schade, dass die Kultur-Missionarin Edda Moser sich schon einem anderen Projekt, ihrem "Festival der Deutschen Sprache", versprochen hat. Sie weiß aus eigener Erfahrung: "Mit privaten Sponsoren fährt man besser als mit Kulturpolitikern."

"Mit privaten Sponsoren fährt man besser als mit Kulturpolitikern"

Edda Moser, Kammersängerin