Kino

Gute Komödien sind wie Schweizer Uhrwerke

"Langweilen wir Sie?", fragte Billy Wilder seine atemlos lauschenden Sonntagsgäste, während er auf der Treppe ein paar Worte mit Marlene Dietrich wechselte.

"Dein Geigenlehrer, kam er vor oder nach dem alternden Schauspieler?" - "Vorher natürlich, aber dazwischen war ja eine Frau." - "Fritzi Massary?" - "Ja, ich glaube, sie war es." - "Ich werde Deine Affären nie auf die Reihe bringen", sagte Billy Wilder, und dann, wieder zu seinen Gästen: "Langweilen wir Sie?" Billy Wilders oberstes Gebot lautete: Niemanden langweilen! Weder vor der Kamera, noch hinter der Kamera, weder im Saal, noch im Salon, noch am Telefon, noch im Restaurant - so habe ich ihn bei den Dreharbeiten zu "Fedora" kennengelernt. Er inszenierte nicht, er legte eine "performance" hin, spielte jugendlichen Charme, Französisch für Marthe Keller, Berlinerisch für Hildegard Knef, Brooklyn für William Holden, und, wer weiß, Ungarisch für Alexander Trauner, seinen wunderbaren zwergenhaften Bühnenbildner, den er immer als den Schöpfer der "Kinder des Olymp" vorstellte, als ob "Manche mögen's heiß" oder "Das Apartment" nicht erwähnenswert seien.

"Never a dull moment", er schien sich zu amüsieren wie Bolle. Nur wenn er kurz zu seinem schweigsamen Drehbuchautor in der Ecke ging, unterbrach er seine One-Man-Show und vergewissert sich bei "Izz" (=Isadore) Diamond, dass er den Faden nicht verloren hatte. Mister I.A.L. Diamond hat mit ihm vierhändig "Manche mögen's heiß", "Das Apartment", "Sherlock Holmes" und eben auch "Fedora" geschrieben. Er ist bei allen Dreharbeiten dabei, sagt nie etwas, vergleicht das Geschehen vor der Kamera mit dem, was im Drehbuch steht, und sollte in der Hitze des Gefechtes ein Schauspieler mal einen Satz umgestellt haben, genügt ein Blick zu Billy Wilder, oft nur ein Anheben der Augenbraue, um die Ordnung wieder herzustellen. Ohne den pingeligen Dreh-Buchhalter am Set könnte Billy Wilder nicht den Clown spielen. Denn Komödien, sagt er, sind wie Schweizer Uhrwerke. Ein Rädchen greift ins andere, eine Replik treibt die andere, die straight line muss klar verständlich vor der Pointe kommen, danach kurze Pause für den Lacher, und sofort noch eine Pointe drauf, damit die Lacher sich steigern und nie abbrechen. Sporadische Lacher sind das Schlimmste, nur Lachsalven erschüttern das Publikum.

Moral in Schokolade verpackt

Das hat ihm den Ruf eingetragen, ein Zyniker zu sein. Für ihn war das aber eine Frage der Würde. Was wirklich ernst ist, behält man für sich. Seine Moral verkauft er nur in Schokolade verpackt. Er selbst, der unerbittliche Moralist, tritt auf als Witzbold. "Nobody is perfect" - sollte ursprünglich nur ein vorläufiger Dialogsatz sein, bis ihnen was Besseres einfallen würde. Das "Provisorische ist das Definitive", eine alte Wiener Weisheit. Es ist ein geflügeltes Wort geworden und ein Satz, der nicht nur "Manche mögen's heiß", sondern auch Billy Wilders Weltanschauung auf den Punkt bringt. Keiner von uns ist vollkommen.

Sein Film allerdings "is perfect". Bis die Perfektion erreicht war, konnte das mit Marilyn Monroe bei dem einfachen Satz "Where is the booze?" zu 30 Takes und einem Nervenzusammenbruch führen, während sie an anderen Tagen fünf Seiten fehlerlos vom Blatt spielt. Diese Marilyn Monroe, die einfach nicht versteht, warum alle ihren Busen und ihre Kurven so anstarren, ist ein wunderbares Geschöpf aus der Feder von Wilder und Diamond und als Frauen-Porträt ebenso liebevoll und zärtlich gezeichnet wie das von Fran Kovalsky (Shirley Maclaine) in "Apartment". Lächerlich ist nicht die Blondine, sondern die Männer, die sie anmachen, sind es. Dabei hatte der Regisseur seine liebe Mühe mit ihr, aber ihm durfte auch niemand zu nahe treten. Denn solange er Witze riss, brauchte er niemandem zuzuhören. Er will niemandes Beichtvater, Therapeut oder Vaterfigur sein.

Als ich ihn kennenlernte, war er schon siebzig und wenn nicht weise, so doch nicht mehr bissig. Billy Wilder hatte "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" gesehen und schrieb mir einen begeisterten Brief, auf dem Umschlag stand als Absender Universal Pictures: "... simply the best german picture since Fritz Lang's M." Stolz wie nie entwarf ich viele Antworten, schickte aber aus schierer Verlegenheit keine ab, bis der reine Zeitablauf die Sache zu erledigen schien. Da kam ein Anruf von Paul Kohner: "Ich bin der Agent von Billy Wilder. Er hat Ihnen vor Monaten einen Fanbrief geschrieben und Sie haben es nicht einmal für nötig gehalten, ihm zu antworten ... Herr Wilder ist in München, im Hotel Vierjahreszeiten. Kommen Sie her und entschuldigen Sie sich!" Das habe ich getan und ihn dann, so oft wie möglich, beim Drehen von "Fedora" beobachtet. Denn so verschieden unsere Temperamente und Filme, mein Vorbild war er immer.

Schon als ich noch Resnais' Assistent bei "Letztes Jahr in Marienbad" war, schlich ich am Wochenende in etwas damals so altmodisches wie "Das Apartment", um mich wieder und wieder von einer meiner Lieblingsszenen überhaupt hinreißen zu lassen. Das Fahrstuhlgirl, Shirley MacLaine, sitzt mit ihrem Boss auf einer Silvesterparty. Mitternacht. Das Licht geht aus - und ihr geht ein Licht auf: eigentlich liebt sie den kleinen verschnupften Angestellten Jack Lemmon. Als alle "Ole lime ..." gesungen haben, geht das Licht wieder an. Der Stuhl ist leer. Musikeinsatz. Sie rennt zu Lemmons Apartment, Straße runter, Treppe rauf, letzter Absatz, ein Schuss - sie erstarrt: er hat sich umgebracht. Sie trommelt an die Tür, verzweifelt, er macht auf - eine schäumende Sektflasche in der Hand. Das "Apartment" beruht auf einer Skizze aus Junggesellenjahren in Berlin. In Hollywood gedreht, spielt es in einem imaginären Manhattan, das auch ein erinnertes Berlin sein könnte. Die Idee einer Großstadt und ihrer Bewohner. "Menschen am Sonntag" hieß eines seiner ersten Drehbücher, von Siodmak noch als Stummfilm in Berlin gedreht. Aus den Erlebnissen seiner knapp 10 Jahre in Berlin speist er noch nach Jahrzehnten seine Filme in Hollywood. "Nicht immer den gleichen Film, wie Hitchcock, machen", sagt er, "sondern jedes Mal was anderes."

Wie den Trinkerfilm "Lost Weekend", wo ein Schriftsteller an der 6th Avenue seine Schreibmaschine versetzt, wie weiland Billy Wilder die seine beim Pfandleiher in der Joachimsthaler Straße. Und dann ist es 1945, ein untypischer Wilder-Film entsteht: "Die Todesmühlen", eine Dokumentation über Bergen-Belsen und andere Lager, in denen übrigens auch seine Familie umgekommen ist. Die Deutschen wollen den sehr eindringlichen Film, der doch zu ihrer Re-Education gedreht wurde, nicht sehen. Wilder schlägt dem zuständigen General vor, eine Publikumsbefragung zu machen. Zettel und Bleistifte werden bereitgelegt, wie bei einer Preview in Hollywood. "Doch am Schluss der Vorführung war niemand mehr im Saal", erzählt Billy Wilder und als Pointe fügt er hinzu: "Alle Bleistifte gestohlen."

Amerikaner aus Überzeugung

Wilder rät dem Headquarter in Frankfurt/Main, die Lebensmittelkarten erst zu verteilen, wenn die Leute den Film gesehen haben. Der Vorschlag wird abgelehnt und der Regisseur ironisiert die Umerziehungsversuche bald selbst mit Marlene Dietrich in "A Foreign Affair". Sie singt das Lied vom Schwarzmarkt, das Friedrich Holländer wie einst die "Fesche Lola" für sie komponiert hat. "Nur Du konntest mir einreden, eine solche Rolle zu spielen", sagt Marlene am Ende der Dreharbeiten zu Billy. Sie wurde Wilders beste Freundin.

"She was a Mensch", fasste er es lakonisch zusammen, "und hat mehr Zeit an der Front verbracht als Eisenhower." Das dürfte die beiden am meisten verbunden haben: sie sind aus demokratischer Überzeugung Amerikaner geworden. Mit diesem Pass in der Hand klagten sie umso unnachgiebiger ein besseres Deutschland ein, die eine als Vamp verkleidet, der andere als Clown. Er fühlte sich als Amerikaner und deshalb berechtigt, zu loben und zu tadeln. Er hatte klare, oft unbequeme politische Überzeugungen, er beteiligte sich an dem Gemeinwesen, unterstützte kleine Unternehmen, stiftete für Krankenhäuser, machte ein Restaurant auf. "Hier war ja nichts als Wüste", deutete er aus dem Fenster am Rodeo Drive. "Wir haben erst so was bisschen Städtisches daraus gemacht. Es ist nicht New York oder Berlin, aber im Vergleich zu früher ..." Da sprach ein stolzer Citizen. "Kein Grund für großes Schulterklopfen oder Fahneschwingen", schränkte er ein. "Aber alles in allem ist es doch das verdammt anständigste Land, das es gibt" - was bitteren Spott an Reagan und Bush nicht ausschloss.

Unser Autor Volker Schlöndorff, Berliner Filmemacher und Oscar-Preisträger, war mit Billy Wilder befreundet.