Oper

Ein pochendes Herz in der Kehle

Es bleibt schon rätselhaft, warum uns der führende Tenorstar in der Opernwelt - von Caruso bis Pavarotti - genauso interessiert wie die Preisexzesse bei Gemälde-Auktionen, das dynastische Treiben der Wagner-Familie in Bayreuth oder der Lebens-Schaffens-Konflikt eines Literaturnobelpreisträgers.

Womöglich ist es ein zutiefst menschlicher Weg, so die Einmaligkeit von Kunst verstehen zu wollen. Zweifellos sind es die wenigen Augenblicke, in denen das Exklusive, das ästhetisch Außergewöhnliche einmal populär wird. An der Deutschen Oper gab jetzt in "La Traviata" ein neuer Anwärter auf den Titel Welttenor, der sich nachdrücklich für den vermarktungsfähigen Platz an der Seite der führenden Primadonna Anna Netrebko empfiehlt, sein Berlin-Debüt. Der Spitzenplatz ist frei, seit der mexikanische Publikumsliebling Rolando Villazon stimmüberlastet zum Wackelkandidaten, schließlich operiert wurde und aus den wichtigen Besetzungszetteln verschwand. Villazon debütiert übrigens als Regisseur am 24. Januar an der Opéra de Lyon mit Massenets "Werther". Mit Vittorio Grigolo betritt nun ein neuer Latin Lover die großen Opernbühnen. In Berlin wurde er am Ende der Verdi-Oper bejubelt.

Viel jugendlicher Charme

Der 33-jährige Italiener ist nicht nur ein schöner Mann mit schöner Stimme, sondern er hat auch reichlich Theaterblut in den Adern. Man kann mutmaßen, ob er seine Posen im Jungenchor der Sixtinischen Kapelle oder bei seinen Crossover-Ausflügen und in den Boulevard-Spalten gelernt hat. Sein Auftreten hat jugendlichen Charme. Sein Alfredo ist auf der Bühne geradezu hyperaktiv um die Edelhure Violetta bemüht. Er ist kein Schwärmer, kein Sensibelchen, sondern ein Draufgänger aus dem Opernbilderbuch. Beim Debüt wirkt er gar so aufgeregt, dass sein Herz in der Kehle zu pochen scheint. In gewisser Weise fällt das tenorale Energiebündel etwas aus der Rolle in Götz Friedrichs düster-melancholischer Verdi-Inszenierung. Die Regie ist von 1999, eine seiner letzten, und der große alte Friedrich konnte der Pariser Dekadenz nichts wirklich Sinnliches mehr abgewinnen. Das verordnete Innehalten, das Mitfühlen des Dahinsiechens gelingen an diesem Abend der stimmgewaltigen Patrizia Ciofi als Violetta und dem nuancenreichen Leo Nucci als Alfredos Vater deutlich tiefer.

Grigolo dagegen will strahlen, will gefallen - der Violetta, dem Publikum, sich selbst. Ein wenig muss man schmunzeln, dass der smarte Vittorio, auf den einst Luciano Pavarotti aufmerksam wurde, nun mit dem Schwergewichtigsten der Drei Tenöre verglichen wird. Bezaubernd ist die Bezeichnung "Pavarottino" für den Nachreifenden. Sie ist bitteschön liebevoll zu deuten. Noch gut in Erinnerung ist die Abschiedsvorstellung des inzwischen verstorbenen Pavarotti vor sieben Jahren an der Deutschen Oper. Da der 160-Kilo-Tenor sich kaum noch bewegen konnte als Cavaradossi in Puccinis "Tosca", wurde er kurzerhand an der Staffel sitzend uminszeniert. Und irgendwann traf die Tenorlegende sogar einmal einen Ton in alter Stärke. Da jubelte der Saal angesichts vergangener Größe. Auch Ohren erinnern sich.

Kein Mann der leisen Töne

Zur großen Kunstfertigkeit eines in der Gesangslinie sprungfähigen Tenore spinto gehört immer auch die absolute Treffsicherheit - Grigolo vermittelt seinem Publikum diese Zuverlässigkeit. Sein italienischer Tenor ist von angenehmer Fülle und Eleganz, mit einer natürlichen Weichheit ausgestattet und mit einem bemerkenswert dunklem Timbre, die jeden Schluchzer warmherzig klingen lässt. Aber leise Töne sind Grigolos Sache eigentlich nicht. Beim Trinklied zu Beginn fordert Verdi viel Grazie, aber der Tenor geht gleich leidenschaftlich stürmend mit seinem Champagnerglas auf die begehrte Violetta los. Alfredos Tenorpart spiegelt sich vor allem in den Duetten. Das ergreifende Zwiegespräch mit Violetta mündet in eine atemberaubende virtuose Singakrobatik, aber genau genommen findet in keiner Sekunde des Abends eine gefühlsinnige Umarmung der Liebenden statt. Die Singcharaktere sind zu verschieden: Während Patrizia Ciofi aus fast mädchenhaften Einfachheit heraus die Kunstfertigkeit erwachsen lässt, steigt Vittorio Grigolo mit Volldampf ein in seine Noten und tritt dann einen Schritt zurück. Jeder besingt auf seine Weise den Lebenshunger.

Auffälligerweise singt Grigolo bei den höchsten Tönen nicht kontrolliert in die Stirn hinein, sondern nimmt gern den Kopf zurück, um sich zu öffnen. Das sichert Volumen, kostet aber deutlich mehr Kraft. Hoffentlich ist er klüger als andere glühende und verglühte Startenöre und nimmt sich jenseits der Vermarktung ausreichend Zeit zur Erholung.

Deutsche Oper , Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 343 84343 Vittorio Grigolo singt noch einmal am 21. Januar um 19.30 Uhr.