Berliner Kritiken

Dieser Hoffmann will nur trinken

Es geht um das Leiden. Auf allen Ebenen. Hoffmann in Offenbachs Oper leidet, weil er versoffen ist. Vielleicht auch, weil er an die falschen Frauen gerät.

Der Hoffmann-Darsteller Jens Krogsgaard leidet, weil er vor ein paar Wochen eine Lungenentzündung hatte, die hörbare Spuren in der Stimme hinterlassen hat. Der Zuschauer in "Hoffmanns Erzählungen" kann sich nun entscheiden, auf welcher Ebene er mitleiden möchte.

Das mit dem Titelhelden im HAU 1 oder Hebbel am Ufer ist natürlich furchtbar. Er sieht so sympathisch aus und macht auch eine gute Figur in der Rolle. Nur die Stimme setzt eben das erste Mal schon vor der Begegnung mit Olympia aus. Danach kann man nur noch bangen.

Abgesehen davon - und es ist wirklich schwer, vom Hauptdarsteller abzusehen - ist die Produktion eine Wucht. Yuka Yanagihara bewältigt alle vier weiblichen Hauptrollen mit Koloraturen. Tye Maurice Thomas ist Hoffmanns charismatischer Gegenspieler. Die Dirigentin Barbara Rucha hält das kleine Orchester und den kleinen Chor bestens unter Kontrolle.

In Rainer Kilius' musikalischer Bearbeitung findet vieles im intimen Rahmen der Bühnenmusiken statt. Der Dichter Hoffmann säuft diesmal nicht mit seinen Kumpels bei Lutter und Wegener, sondern mit den Bühnenarbeitern am Rande der "Don Giovanni"-Aufführung, in der seine verflossene Geliebte auftritt.

Der Regisseur Florian Lutz zeichnet die Entwicklung dieser Geliebten nach: Aus dem puppenhaften Mädchen (Olympia) wird eine junge, stimmbegabte Frau, die wie so viele Künstlerinnen zu Offenbachs Zeit zwischen einer möglichen Karriere und einer Ehe mit Hoffmann wählen soll (Antonia). Sie entscheidet sich für den Beruf und genießt das dekadente, ausschweifende Leben, lässt die Trompeter in kurzen Höschen auf dem Tisch tanzen (Giulietta). Die gefeierte Künstlerin (Stella) fühlt sich noch immer zu Hoffmann hingezogen, aber seine große Liebe ist nur Illusion. Hoffmanns großes Leiden und seine überirdische Liebe sind nur eine Behauptung, eine Geschichte. In Wirklichkeit will er einfach nur saufen und sucht in der Frau einen Sündenbock dafür. Die Inszenierung wirkt in sich stimmig, wie aus einem Guss. Sie führt ihren Gedanken mit vielen humorvollen Einfällen und reizvollen Videoeffekten aus. Ohne Lungenentzündung gäbe es noch mehr Grund zum Jubeln.