Fernsehen

Heuschrecken sind auch nur Menschen

Dem Zeitungsgewerbe verdankt das Kino einige der grimmigsten Filme: "His Girl Friday" von Howard Hawks und "The Front Page" von Billy Wilder, beide nach Ben Hechts Bühnenstück. "Die Unbestechlichen" mit Dustin Hoffman und Robert Redford.

"Schlagzeilen" mit Robert Duvall und Michael Keaton. All diese Filme handelten von der Figur des Reporters, von rasendem Tempo und bösem Zynismus, von durchwachten Nächten und vergeudeten Tagen, vom Zauber der Großstadt und dem Elend der Gosse. Die geläufigste Metapher des Metiers ist natürlich "Unter Druck" - so heißen oft die flotten Fibeln für Journalistenschüler. So heißt nun auch der neue Kölner "Tatort", in dem Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär darüber staunen, dass es Unternehmensberater gibt, die wie Franz Münteferings Heuschrecken über die Verlagshäuser kommen, Menschen entlassen, Karrieren zerstören und dann den nächsten Auftrag erledigen. Ein solcher Terminator, Carsten Moll, ist in der grandiosen Halle des Kölner "Abendblattes" über eine Brüstung in den Tod gestürzt - er wurde gestoßen.

Die immer etwas bräsigen Kommissare Max Ballauf und Freddy Schenk, Angehörige der Old Economy und Beamte dazu, haben Begriffsschwierigkeiten, als der Matthias-Sammer-artige Geschäftsführer Lars Fraude (Johann von Bülow) ihnen erklärt, weshalb das Beratungsteam eigentlich im Haus ist. Die Chefin der Optimierer, Rita Landmann (Claudia Michelsen), spricht viel und schnell Englisch in ihr Mobiltelefon - eine Fusion "mit England" steht bevor. Der Verleger Brinkmann (Hansjürgen Hürrig) und der Personalchef Kahn (Felix Vörtler) denken aber nur noch an die eigene Rente - zwei wunderbare Herrenporträts aus der Beletage der guten alten Wirtschaft, als man Shareholder Value nur aus der Zeitung kannte.

Nun hat sich Max Ballauf schon in manche Verdächtige unglücklich verliebt - der stählernen Rita Landmann stellt er unentwegt treuherzig nach, um in Erfahrung zu bringen, ob sie nicht doch als Mensch zutiefst ergriffen vom Tod des Mitarbeiters sei. Seine romantischen Avancen weist die unerbittliche Frau jedoch zurück. Später erfahren wir, wenig überraschend: Sie hat Carsten Moll - der allgemein als Stinkstiefel beschrieben wird - geliebt. Moll unterhielt aber eine lose Liebschaft mit einer Anzeigenverkäuferin, um sie eifersüchtig zu machen, weshalb der Freund der Anzeigenverkäuferin eifersüchtig wurde und jetzt unter Mordverdacht steht. Jesses, hier stehen alle mächtig unter Druck!

Aber ach - leider entwickelt sich nur ein simples "Whodunnit", eine gemächliche Tätersuche aus der Konstellation. Die Heuschrecken sind auch nur arme Schweine, die Kinder haben und Geld brauchen, und der Leiter der Druckerei paktiert mit dem Feind und bringt sich dann um. Weil Claudia Michelsen diese Frau spielt, kommen immerhin ein bisschen Gift, Verzweiflung und Tragik in diesen Fall, der vom Zeitungsgewerbe leider gar nichts erzählt und von den Abgründen des Managements nur Landläufiges. Weil der tote Carsten Holm gern zeichnete, wird der Schuldige gefunden: Er wurde als Zwerg mit kleinem Penis neben der großen Hure Kapital verspottet. Darauf steht in der New Economy die Höchststrafe.

Tatort: Unter Druck , ARD, heute, 20.15 Uhr.