Interview

"Pünktlich um drei begann das Gebrüll"

Vor sechs Jahren, als Sven Regener seinen Roman "Neue Vahr Süd" veröffentlichte, war ein Ende der Wehrpflicht nicht absehbar. Regener schickte seinen Helden Frank Lehmann im Jahr 1980 in eine Bremer Kaserne. Verzweifelt versuchte der Rekrut, nachträglich zu verweigern.

Mit dem Bestseller gelang Regener, dem heute 50-jährigen Schriftsteller und Sänger der Berliner Band Element Of Crime, das Buch zur Bundeswehr. Mit durchaus autobiografischen Zügen. Mit Sven Regener sprach Michael Pilz.

Berliner Morgenpost: Herr Regener, warum hat die Wehrpflicht der Bundesrepublik kaum schöngeistige Literatur hinterlassen?

Sven Regener: Das habe ich mich auch schon gefragt.

Berliner Morgenpost: Haben Sie eine Antwort gefunden?

Sven Regener: Es wird daran gelegen haben, dass die meisten Literaten nicht bei der Bundeswehr waren. Um darüber zu schreiben, muss man da gewesen sein, und wer dort war, fand sich in einer anderen Welt wieder, auf dem Mars. Der deutsche Literat hat verweigert, er entstammt den weißen Jahrgängen oder er war beim Volkssturm. Da ist nicht viel zu holen. Aber auch für den, der seinen Dienst abgeleistet hat, ist das Ganze hinterher nur noch schwer zu verstehen. Gerade in demokratischen Gesellschaften ist die Armee zu weit weg vom Alltag. Man kommt wieder raus und fragt sich: Was war das denn jetzt?

Berliner Morgenpost: Und? Was war es?

Sven Regener: Etwas, das von außen betrachtet bizarr wirkt, innen aber bitter ernst ist. Vor allem für den Wehrpflichtigen. Jede Erniedrigung mag ja auch eine komische Seite haben. Aber wie vermittelt man das Außenstehenden, ohne es zu verniedlichen? Wenn man dabei war, war das alles nicht komisch.

Berliner Morgenpost: Umso erstaunlicher, dass "Neue Vahr Süd", Ihr Roman zur Wehrpflicht, zum Bestseller wurde. Wie viele haben es gekauft?

Sven Regener: Ungefähr 200 000 gebunden und als Taschenbuch noch einmal 500 000. Das sind schon ziemlich viele. Zumal manche im Verlag vorher fürchteten, Frauen als Leser abzuschrecken. Wegen Militär und so. Was natürlich Quatsch war.

Berliner Morgenpost: Kameradschaft kommt in Ihrer Schilderung auch deutlich zu kurz.

Sven Regener: Was heißt schon Kameradschaft? Wer hat denn heute noch Kumpels aus der Militärzeit? Es war eine Zwangsgemeinschaft, zu meiner Zeit für 15 Monate. Kameradschaft kann man nicht befehlen.

Berliner Morgenpost: Pionier Lehmann, der Romanheld, landet beim Bund, weil er vergessen hat, zu verweigern. Warum waren Sie da?

Sven Regener: Weil ich im KBW war.

Berliner Morgenpost: Beim Kommunistischen Bund Westdeutschland?

Sven Regener: Genau. Wir vom KBW wollten politisch arbeiten bei der Bundeswehr.

Berliner Morgenpost: Eine klassische Schnapsidee.

Sven Regener: Wie alles, was die K-Gruppen vorhatten. 1980 die Diktatur des Proletariats errichten zu wollen, war ja auch keine allzu brillante Idee. Bei der Bundeswehr wollten wir organisieren, agitieren, propagieren.

Berliner Morgenpost: Sie wollten die Wehrkraft zersetzen.

Sven Regener: Wir wollten als Wehrpflichtige tun, was wir auch in Betrieben taten. Beim Bund aber waren wir plötzlich mit einem wirklich autoritären System konfrontiert, das dabei noch nicht einmal halb so autoritär war wie das System, das man als Kommunist errichten wollte. Da fiel es Genossen wie mir wie Schuppen von den Augen: So was will ich nicht! Die Wehrpflicht hat den KBW viele Mitglieder gekostet.

Berliner Morgenpost: Aber dem Staat dienen mussten Sie bis zum Schluss?

Sven Regener: Nein. Ich bin aus dem KBW ausgetreten, habe als Rekrut meine Verweigerung eingereicht und bin sogar anerkannt worden. Ich war einfach sauer: Ich hatte bereits die Vereidigung verweigert, die im Verdener Stadion stattfinden sollte. Daraufhin war ich als Fackelträger eingeteilt worden, was man nicht verweigern konnte. Das war der letzte Anstoß gewesen. Ich hatte dann sehr viel Glück: Zu verweigern, wenn man schon beim Bund war, galt als sehr schwierig. Und ich hatte einen fairen Kompaniechef. Andere wurden für ihr Recht durchaus schikaniert.

Berliner Morgenpost: Mit welchem Argument kamen Sie raus?

Sven Regener: Dass ich nicht töten könne. Das war die einzige Möglichkeit damals. Man konnte es natürlich nicht beweisen. Man musste dem Gremium glaubhaft vorspielen, ein Vollidiot zu sein. Die Fragen waren aber auch absurd.

Berliner Morgenpost: War es so abseitig, einen Soldaten zu fragen, ob er seine Familie mit der Waffe verteidigen würde?

Sven Regener: Es ist ein Unterschied, ob man seine Familie verteidigt oder in einer Armee völlig unbekannten Leuten zusetzt. Das Absurde war der bei Gewissensprüfungen geforderte Kirchentagspazifismus. Verweigern war ein Grundrecht, das eingeschränkt wurde, und dem, der darauf pochte, solche Verrenkungen abverlangte. Mit Argumenten war es nicht getan. Der Pastor musste einem beistehen. Am besten, man war selber einer.

Berliner Morgenpost: Wann wurde Ihnen klar, dass der Wehrdienst nichts für Sie war?

Sven Regener: Von der ersten Sekunde an war der Fluchtreflex da. Als die Vorgesetzten anfingen zu schreien. Pünktlich um 15 Uhr standen wir in der Kaserne, und pünktlich um 15 Uhr begann das Gebrüll. Als hätten sich alle wehgetan. Alle stürmten umher. Man war schon sehr eingeschüchtert.

Berliner Morgenpost: Sind solche Strukturen immun gegen Reformen? Hört Militär auf, Militär zu sein ohne steile Hierarchien und absoluten Gehorsam?

Sven Regener: Armee funktioniert so. Wie sollte man sonst die Leute ins Feuer schicken? Man braucht die Disziplin, man kann das dem Militär nicht übel nehmen. Es gibt daran aber auch nichts zu beschönigen. War die Bundeswehr mit ihrer Wehrpflicht ein notwendiges Übel? Ich denke, ja.

Berliner Morgenpost: Hat das der Rekrut Regener 1980 auch gedacht?

Sven Regener: Rekrut Regener war Kommunist, der hat ganz andere Dinge gedacht!

Berliner Morgenpost: War die Einführung der Wehrpflicht 1956 richtig?

Sven Regener: Wenn man sich die Konfrontation der Blöcke heute ansieht und den Kalten Krieg: Offensichtlich ist es gut gegangen. Damals sprach auch dafür, dass man sich kaum von Amerikanern, Engländern und Franzosen verteidigen lassen und darauf verlassen wollte, dass die Russen an der innerdeutschen Grenze halt machen.

Berliner Morgenpost: Hätte Deutschland die Wehrpflicht also 1990 abschaffen sollen?

Sven Regener: Eigentlich eine interessante Frage. Gesellschaftliche Prozesse brauchen ja ihre Zeit. Die Geschäftsgrundlage war 1990 jedenfalls aufgehoben. Die Amerikaner, Engländer und Franzosen konnten sich früher und leichter von der Wehrpflicht trennen, sie waren weiter weg. Vielleicht brauchte Deutschland das Kanonenfutter zur Abschreckung noch etwas länger. Aber man darf nicht vergessen, was Wehrpflicht ja auch immer bedeutet hat: Die eine Hälfte der Soldaten hat keine Lust, und die andere Hälfte ist damit beschäftigt, die, die keine Lust haben, bei der Stange zu halten und durchs Gelände zu scheuchen.

Berliner Morgenpost: Zuletzt waren Abiturienten in der Bundeswehr eher die Minderheit.

Sven Regener: Natürlich hatten es eloquente Verweigerer leichter, vor den Kommissionen zu bestehen und Ersatzdienst leisten zu können. Dafür ist immer noch zu hören, man habe beim Bund etwas gelernt fürs Leben. Man käme mit Leuten verschiedener Schichten und Herkunft zusammen. Man reife als Mensch. Alles Unfug.

Berliner Morgenpost: Leander Haußmann hat 2005 die Komödie "NVA" gedreht. Sie haben ein Lied beigesteuert. Wurde die NVA da verharmlost?

Sven Regener: Nein. Ich war zwar nicht bei der NVA, aber ich halte es für ein ewiges Missverständnis, dass man etwas Schlimmes nicht lustig darstellen darf. Die NVA lächerlich zu machen, war nicht falsch. Für so etwas gibt es die Kunst.

Berliner Morgenpost: War die Übernahme der NVA durch die Bundeswehr eine Farce oder eine Integrationsleistung?

Sven Regener: Ich bin kein Politiker, aber es scheint doch alles ganz gut gelaufen zu sein. Es gab keine Meutereien. Die Offiziere der ehemaligen NVA standen staunend vor der Bundeswehr, wo die Soldaten am Wochenende frei hatten. Sicher haben die Kameraden bei der NVA viel schlimmere Sachen erlebt als ich beim Bund. Aber ich kam aus den hippiesken Siebzigern. Ich war weniger vorbereitet aufs Autoritäre.

Berliner Morgenpost: Hat Karl-Theodor zu Guttenberg mit der Abschaffung der Wehrpflicht eine revolutionäre Reform gewagt, oder standen die Türen bereits weit offen?

Sven Regener: Man hätte das Einberufen schon vor 15 Jahren beenden sollen: Die Bedrohung war weg, der Zwang war überflüssig geworden. Es hatte sich auch gezeigt, dass die Wehrpflicht eine Armee nicht demokratischer macht. Die Mannschaftsdienstgrade haben sowieso nichts zu melden. Und Berufsarmeen sind für eine Demokratie offenbar nicht gefährlicher als Heere aus Wehrpflichtigen. Das putschende chilenische Militär war eine Wehrpflicht-Armee. Türkische und russische Armeen, die sich durch Putsche und Putschversuche hervorgetan haben, ebenso. Man sollte es sich nicht so einfach machen. Es gibt Argumente für die Wehrpflicht und Argumente dagegen. Aber wenn ein gesellschaftlicher Zwang nicht mehr unbedingt sein muss, kann und muss er abgeschafft werden. Das nennt man Vernunft.

Berliner Morgenpost: Kürzlich lief "Neue Vahr Süd" als Fernsehfilm in der ARD. Hat er die Bundeswehr gezeigt?

Sven Regener: Ich habe viele Fehler gesehen. Ein Unteroffizier, der ungestraft einen ihm unbekannten Mannschaftsdienstgrad duzt während der Wache: Hm. Und wenn es "Lichtblitz!" heißt, wird im Film der "ABC-Alarm Sprühangriff!" ausgeführt. "Lichtblitz!" ging so: Man schmiss sich auf den Boden und grub den Kopf ein, und beim "ABC-Alarm Sprühangriff!" warf man sich diesen albernen Poncho über wie im Film.