Ausstellung

Warum Lenin jetzt mitten in Mitte posiert

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Gabriela Walde

Es ist die skurrilste Ausstellung des Berliner Kunstherbstes - und sie kann es in dieser Form wohl auch nur in der einst geteilten Hauptstadt geben, wo der Kunstmarkt zuweilen merkwürdige Blüten treibt.

Das Auktionshaus Jeschke Van Vliet in Mitte zeigt rund 300 Bilder, die hinter dem Eisernen Vorhang der ehemaligen Sowjetunion zwischen den 30er und 80er-Jahre entstanden sind.

Kitschiger geht es kaum

Der Besucher traut kaum seinen Augen, als er die sozialistischen Schinken dort so einträchtig versammelt in Reih und Glied an den Wänden hängen sieht. Lenin wäre stolz! So ein Aufgebot an geballter, bunter, ja unglaublich kitschiger Propagandakunst an einem einzigen Ort konzentriert, hat es wohl noch nie gegeben. Lenin, Lenin und noch mal Lenin, redenschwingend, in schwarzem fliegenden Mantel, die roten Fahnen wehen im Aufbruch der Geschichte. Übervater Karl Marx guckt wie ein gestrenger Gott auf die sozialistische Gemeinschaft herab. Da die Arbeiter in monströsen Maschinenfabriken; dort die Bauern, die im Kollektiv in Kolchosen aufmarschieren. Spielende Kinder im Hort der Gemeinschaft. Man kann eigentlich sagen: In der Krausenstraße in Mitte ist der Kommunismus zurück, während die Museen in den russischen Republiken ihre Depots längst von der Last dieser bildnerischen Vergangenheit befreit haben. Als bei der Vorstellung dieser Präsentation dann auch noch eine russische Maid ein melancholisches Lied anstimmte, da wähnte man sich wirklich eher in der russischen Provinz als in Berlin im Jubiläumsjahr 2009. Babuschka ruft. Dazu liegen die Ausstellungsräume direkt am ehemaligen Mauerverlauf zwischen Kreuzberg und Mitte.

Zusammengetragen wurden diese Propaganda-Leinwände in Moskau, Kiew und St. Petersburg, herausgeholt aus Museumsdepots und gefunden auf alten Speichern und in dunklen Kellern, von der Zeit zerfleddert und vergessen. Allesamt wurden sie aufwendig restauriert, die einstigen Farben waren billig, die Leinwände bestanden aus ärmlichen Jutestückchen. Über die maltechnische Qualität dieser platten Auftragskunst muss man nicht viel sagen, es gibt einige gute Arbeiten darunter, sicher, aber das Gros der Künstler unter Staatsvertrag malte dann doch eher dilettantisch die ach so heile Welt des Kommunismus. Bilder dieser Art hingen einst in Schulen, Ämtern, Kasernen und dienten der Erziehung zum "neuen Menschen" in der sozialistischen Gesellschaft.

Stellt sich die Frage, wer so etwas sammelt, zwanzig Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhanges. Diese sozialistische Kollektion - sie umfasst 600 Bilder - gehört einer Gruppe italienischer Sammler, die alle aus passionierten Kunst-Familien stammen sollen. Mehr dringt nicht an die Öffentlichkeit. Auf Wunsch wollen die Sammler unbekannt bleiben.

Doch es wird noch bizarrer: Am 6. November soll ein Teil der Propagandakollektion in der Krausenstraße versteigert werden - etwa 140 Werke von Künstlern wie Tarasenko Aleksandr Petrovich. Ziel sei es, den "Weg zur Anerkennung ihres künstlerischen Werkes" zu ebnen, heißt es in einem artig abgehefteten Manifest der Sammler, das verteilt wird. Man sehe, heißt es dort weiter, diese Werke als "Zeugnis von Menschlichkeit und Lebenserfahrung". Auf jegliche historische Einordnung oder kritische Kommentierung wird verzichtet. So viel Geschichtsnostalgie und Klitterung wie hier war nie.

Mal sehen, wer sich für die alten Lenin-Souvenirs begeistern wird. Aber immerhin, einige Salonkommunisten gibt es ja noch in der Hauptstadt.

Jeschke Van Vliet , Krausenstr. 40, Mitte. Tel. 22 66 77 00. Mi-So 11 bis 20 Uhr. Bis 30. November.