Nach dem Kulturhauptstadtjahr

Die Ödnis kehrt an Rhein und Ruhr zurück

Der Subventionszirkus zieht weiter. Als in der Neujahrsnacht Estlands Hauptstadt Tallinn ihre Feierlichkeiten zur Europäischen Kulturhauptstadt 2011 startete, waren sind die Koffer im Ruhrgebiet längst gepackt. All die Propheten der Nachhaltigkeit und Ordensritter der Kreativquartiere haben hoffentlich schon neue Jobs.

Der Multifunktionär Dieter Gorny, der an der Ruhr als "Künstlerischer Direktor Stadt der Kreativität" wirbelte, muss nicht umziehen. Der Pate des staatlich geförderten Showgeschäfts, der sich nach der Katastrophe der Duisburger Loveparade offenbar ein 180-tägiges Schweigegelübde auferlegt hat, wohnt seit ehedem in Essen. Als Vorsitzender des Verbandes der deutschen Musikindustrie, Aufsichtsratschef der Filmstiftung NRW und diverser anderer Strippenzieherpöstchen kommt er ohnehin viel rum.

Wenn nun das Ruhrgebiet den Staffelstab des internationalen Konzeptlertums an Tallinn und die finnische Co-Kulturhauptstadt Turku übergibt, ist es durchaus an der Zeit, die ins Kraut geschossene Förderpolitik jenseits der etablierten Schönen Künste zu überdenken. Im Schatten von Oper, Theater, Tanz und Film hat sich nämlich im weiten Feld des Pop ein schillerndes Funktionärsgeflecht gebildet, das mit dem "Popbüro Region Stuttgart" anfängt und dem alles-mit-allem-vernetzenden Aufschlag von "creative NRW" (siehe: www.creative.nrw.de ) noch lange nicht zu Ende ist: Design, Musik, Mode, Werbung, Kunst und Verlage werden hier zu einer gigantischen Zukunftsbranche zusammengerührt, mit der man zudem prima Standort-Marketing betreiben kann.

Seitdem Gorny Mitte der 80er der damals sozialdemokratischen Landesregierung eingehämmert hatte, dass Popmusik nicht in die (arme) Kultursparte, sondern ins vergleichsweise reiche Wirtschafts- und Struktur-Segment gehört, hat der politisch-popkulturelle Komplex die tollsten Blüten hervorgebracht.

Zwar glänzt im Subventions-Kernland NRW die rot-grün geführte Landesregierung eher durch graumäusiges Lavieren. Doch freischaffende NRW-Cluster-Manager wie der Wuppertaler Werber und Kunstsammler Christian Boros brauchen für ihre Mission ohnehin keinen Flankenschutz von tantenhaften Polit-Kräften. Ob dieses Schaulaufen allerdings für Herne oder Hagen etwas bringt, steht auf einem anderen Blatt.

Weder Software entwickelnde Teilzeit-DJs noch metrosexuelle Hutdesigner im Dutzend sind nach Abschluss des Kulturhauptstadtjahres in die renovierten Kreativquartiere gezogen. An der Ruhr ist man wieder unter sich. Mal sehen, welcher Oberstratege die Zehnerjahre zum "Post-Creative"-Zeitalter erklärt. Weder Software entwickelnde Teilzeit-DJs noch metrosexuelle Hutdesigner zogen in Scharen ins Ruhrgebiet.