Deutsch-Skandinavische Orchesterwoche

Nur die Trolle sind sauer: Junge Musiker erobern die Philharmonie

Bekanntlich beschützt der Elch Skutt liebevoll Prinzessin Tuvstarr. Sie reitet sogar auf ihm durch die nordische Sternennacht. Von solcher Intimität können Trolle nur träumen. Sie sollten uns Leid tun. Dass Trolle gute Tänzer sind, wie dem Ballett "Der Bergkönig" von Hugo Alfvén zu entnehmen ist, hilft ihnen wenig, solange es mit dem Musizieren hapert.

Auch Berlin bleibt für sie ein bloßer Traum. Andere Geschöpfe des Nordens erfüllen ihn sich dagegen Jahr für Jahr. Berlin leuchtet verlockend, und die Nordlichter verstärken auf musikalischem Gebiet durchaus seinen Glanz.

Für 80 junge Musiker geht der Traum dieser Tage in Erfüllung. An der 35. Deutsch-Skandinavischen Orchesterwoche nehmen junge Menschen aus 20 Ländern teil, vorwiegend aus Nordeuropa und Deutschland. Es erklingen stets skandinavische, finnische und baltische Werke, und zwar in der Regel weniger bekannte Komponisten, die zufällig durch die Ritzen des Repertoires fielen. Denn dass bei uns häufig Edvard Grieg gespielt wird und nie sein Landsmann Johan Svendsen, beruht auf einem solchen Zufall. Grieg jedenfalls brach die Arbeit an seiner Jugendsymphonie entmutigt ab, als er Svendsens Erste in D-Dur gehört hatte. Ganz Europa bekam sie im 19. Jahrhundert zu hören, erst nach Svendsens Tod 1911 geriet sie auf dem Kontinent in Vergessenheit. Das stürmische Stück liegt heute in acht Einspielungen vor, darunter eine von Mariss Jansons, aber im Konzert begegnet man ihm hierzulande nicht. Der einzige, der es dirigiert, ist Kähler.

Darauf könnte er sich eigentlich eine ganze Menge einbilden, genauso auf seine deutschen Erstaufführungen von Werken Stenhammars, Petterssons und Tveitts. Tut er aber nicht. Auch seine Anziehungskraft auf junge Musiker redet er klein in typisch nordischer Bescheidenheit. "Die kommen nicht meinetwegen", sagt der in Kiel aufgewachsene Dirigent und Komponist, "die kommen wegen des anspruchsvollen und attraktiven Konzertprogramms und wegen Berlin - und weil das Abschlusskonzert in der Philharmonie stattfindet." Und er fügt hinzu, für 280 Euro könnten Nachwuchskünstler bei einem wirklich namhaften Dirigenten Meisterkurse belegen.

Allerdings laufen die Konkurrenzveranstaltungen nicht unbedingt in Berlin, sondern beispielsweise in Scheersberg. Und ein durchdachtes Konzept, eine ausgefeilte Programmatik, wie sie die Deutsch-Skandinavische Orchesterwoche bietet, findet sich nicht so leicht ein zweites Mal. Kähler ist hier ein Workshop gelungen, der sich im internationalen Vergleich behaupten kann. Für den 53jährigen hat dieser Erfolg märchenhafte Züge. "Als wir vor 29 Jahren mit der Orchesterwoche anfingen, waren etliche Teilnehmer sogar älter als ich. Keine Ahnung, wie viele Engel uns damals beschützten. Heute würde eine derart spontan organisierte und deshalb oft etwas chaotische Sache überhaupt nicht mehr funktionieren."

Kählers Vorbild war eine ähnliche Veranstaltung in Scheersberg bei Flensburg. Dort erlebte er auch die Begegnung mit nordischer Musik wie eine Offenbarung. Er stürzte sich in die Arbeit, seine Begeisterung riss die jungen Musiker mit. Parallel dazu studierte er an Berlins Universität der Künste. Aber was ihn wirklich weiterbrachte, waren Workshops bei Sergiu Celibidache und bei Finnlands Wunderpädagogen Jorma Panula, dem Lehrer von Salonen, Saraste, Oramo und vielen anderen Größen. Mit denen kann und will sich Kähler nicht vergleichen. Ein Nobody sei er, jemand, der seit fast 30 Jahren die Orchesterwoche leitet und seit 20 Jahren das mit Schüler- und Familienkonzerten beschäftigte Kammerorchester Unter den Linden. Und außerdem, sagt er ohne Wimpernzucken, sei er immer ein wenig Autodidakt geblieben. Was wohl nicht wenig zum Charme der Maßnahme beiträgt. Bei ihm herrscht eine kollegiale Atmosphäre. Und emotionaler Gleichklang. Abnutzungserscheinungen treten nicht auf. "Es ist alles noch so frisch wie am ersten Tag, ja, es läuft besser als je zuvor." Unter anderem auch deswegen, weil sich erfahrene Dozenten um die Jugend kümmern, diesmal angeführt von Leon Spierer, dem ehemaligen Konzertmeister der Berliner Philharmoniker. Zu den Mitwirkenden zählen eine von Achim Rothe geleitete Big Band sowie der Schauspieler Daniel Morgenroth als Moderator. Diese Mischung aus innovativen Stücken und vielseitigem Entertainment kommt an. Beim Publikum wie bei den Instrumentalisten. Viele der Musiker nehmen ein zweites Mal teil, oft setzt sich das Orchester je zur Hälfte aus alten Hasen und jungen Karnickeln zusammen.

Eine neuzeitliche Saga also. Nur die Förderung ist nicht gerade sagenhaft. Sie beschränkt sich im Grunde auf das Goethe-Institut und einen Unternehmer. Darin liegt ein gewisser Nachteil gegenüber konkurrierenden Institutionen. Aber es ist der einzige. Abgesehen vom Schicksal, das nicht allen Bewohnern nördlicher Breitengrade eine Reise nach Berlin gestattet. Die Trolle jedenfalls werden wieder ziemlich sauer sein.

Philharmonie Am 7.1. um 20 Uhr: Deutsch-Skandinavische Jugend-Philharmonie unter Andreas Peer Kähler. Werke von Svendsen, Kreisler, Mendelssohn, Prokofjew und Bernstein. Am 8.1. um 16 Uhr: Mitglieder der Jugend-Philharmonie sowie der Bigband des Orchesters widmen sich humorvoll "Romeo und Julia". Tel. 01805-44 70 777

"Heute würde ein derart spontan organisiertes Projekt nicht mehr funktionieren"

Andreas Peer Kähler, Dirigent