Schauspieler Kevin und Komponist Michael

Die fabelhaften Bacon Boys

Wenn Schauspieler im Musikbusiness fremdgehen, drängt sich unwillkürlich die Frage auf: Sind die nicht ausgelastet? Als ein überraschend zum Rockmusiker konvertierter Kevin Costner im vergangenen Jahr im Tempodrom auftrat und dem Publikum anstelle eines Vorprogramms nicht enden wollende Ausschnitte aus seinen einstigen Kinoerfolgen aufdrängte, schienen solche Verdachtsmomente bestätigt.

Dass es anders geht, bewies Tim Robbins mit seiner furiosen Rogues Gallery Band im Franz Club.

Und auch Schauspieler Kevin Bacon ("JFK", "Mystic River"), der in diesem Jahr als Bösewicht in "X-Men 4" auf die Leinwand zurückkehrt, ist über jeden Verdacht des leichtfertigen Nebenerwerbs erhaben. Er trat jetzt mit seinem Bruder Michael als The Bacon Brothers im Kleinen Sendesaal des RBB erstmals in Berlin auf. Natürlich waren viele zunächst gekommen, um Kevin Bacon einmal aus der Nähe zu sehen. Doch schnell verblasst der Schauspieler mit den markanten Gesichtszügen hinter dem Sänger und Songschreiber, der sich unprätentiös in die Band integriert. Da stehen zwei gleichwertige Partner im Rampenlicht, die sich die Gesangsparts teilen und die die Liebe zur Musik, zu Rock'n'Roll, Westcoast-Sound und Philadephia-Soul eint. Michael Bacon eröffnet die Show mit dem Stück "Tell Me What I Have To Do", von Bruder Kevin mit der Mundharmonika gestreichelt und von einer erstklassigen Band veredelt.

Es ist einer dieser seltenen Abende, an denen man eine Band kennenlernt, von deren Existenz bisher kaum einer wusste. Und die es versteht, mit unerhörten Songs mehr und mehr in ihren Bann zu ziehen. Es sind poppige Rocksongs, die den Geist der 60er- und 70er-Jahre atmen, Lieder in klassischer Singer/Songwriter-Manier, die Alltäglichkeiten und Beziehungsprobleme in melodieseligen Songperlen bündelt. Seit 15 Jahren bereits stehen Kevin und Michael Bacon gemeinsam auf der Bühne. Gerade ist mit "New Years Day" ihr sechstes Album erschienen, dank des rührigen Plattenlabels Hypertension erstmals auch in Deutschland.

Obwohl der 52-jährige Kevin Bacon sein Auskommen als Schauspieler hat und sein neun Jahre älterer Bruder Michael als Komponist von Film- und Fernsehmusik gut im Geschäft ist, finden beide immer wieder Zeit für ihre Band, zu der alte Haudegen wie der Gitarrist Ira Siegel, Bassist Paul Guzzone, Keyboarder Joe Mennonna und Schlagzeuger Frank Vilardi zählen. Es sei eine große Herausforderung, in Deutschland Songs zu spielen, die hier kein Mensch kenne, sagt Kevin Bacon im Lauf des Abends. Aber zu Hause in Amerika kennt die auch keiner, setzt er grinsend hinzu: "So join the Club".

Mit "Bunch of Words" groovt die Band inzwischen durch einen swingenden Reggae, "Go My Way" ist eine schmutzige Funk-Nummer, bei der man sich langsam wundert, dass das Publikum noch immer auf den Stühlen sitzt, und mit George Harrisons "If I Needed Someone" gibt's die einzige Coverversion im Hauptprogramm. Der leichtfüßige Rock'n'Roll "New England Girls" brilliert durch perlenden Satzgesang und "New Years Day", der Titelsong des neuen Albums, bringt endlich Bewegung in den wogenden Saal.

Längst haben die fabelhaften Bacon Boys neue Fans gewonnen und das Publikum auf ihrer Seite. Der frenetische Applaus reicht noch für zwei Zugaben, und hier wird dann doch tief in die Lieblingsliederkiste gegriffen mit "The Last Time" der Rolling Stones und Bob Dylans vielgecoverter Ballade "I Shall Be Released", bei der die Satzgesang-Qualitäten der Brüderband noch einmal großartig zum Einsatz kommen.