Geitels Geschichten

Ein Pianist mit Witz

Man muss als Musiker alt werden, um seinen Namen einzuschreiben in den unaufhörlichen Fluss der Musik, der Tausenden von verschiedenen Quellen entspringt, die ausgeforscht werden müssen. Es gilt zunächst einmal, der Welt den Rücken zu kehren, und den Erfolgen, mit denen sie lockt.

Leicht-Fertigkeit ist auch in der Musik aller Laster Anfang. Das hat Sir Alfred Brendel, 1931 im nordmährischen Wiesenberg geboren und seit vierzig Jahren in England ansässig, von der Pike auf erfahren. Er hat sich nie am spektakulären Wettlauf um Virtuosität beteiligt.

Dennoch hat er es mit seinen achtzig Jahren, deren runden Geburtstag er heute feiert, nicht einzig zu Respekt, sondern zu weltweiter Anerkennung gebracht. Seine Abschiedstournee vor gut zwei Jahren wurde eine Unvergesslichkeit. In Brendels Konzerte ging man nie zur Abendunterhaltung, sondern wie zu einem Lehrgang der Musikerfahrung.

In Brendels Glanzzeit hatte er immerfort anzuspielen gegen die Altersweisheit der noch immer musiklebendigen Vergangenheit. Sie paradierte unüberhörbar über die Podien in aller Welt und vernagelte selbst den genialischen Newcomern den schnellen Zutritt zum Ruhm. Wilhelm Backhaus kehrte noch an das Klavier zurück, Gieseking servierte mit der überlieferten Feinfühligkeit seinen unvergleichlichen Debussy. Horowitzens Stern funkelte noch einmal nachhaltig und unübersehbar auf.

Auf der anderen Seite wehte die Zukunft herauf: die Kunst der jungen Leute, die gleichfalls gehört, bestaunt bewundert sein wollte. Im Falle Brendels stand da vor allem ein junger österreichischer Landsmann im Wege: Friedrich Gulda, zu allem Überfluss auch noch ein halbes Jahr jünger als Brendel. Das schmerzte.

Gulda galoppierte fingerfertig in die neue Zeit hinüber. Er spielte die Heiligtümer von Bach und Beethoven mit geradezu fliegenden Fingern, er verschwisterte sich künstlerisch dem Jazz.

Aber das alles brachte Brendel nicht in Bedrängnis. Längst hatte er sich als ganz und gar unabhängiger, eigenwilliger, gestaltender Pianist zu erkennen gegeben. Schubert, Mozart, Beethoven; Liszt waren seine Domäne. Er ist der erste Pianist, der Beethovens Klavierwerke vollzählig aufnahm.

Er entwickelte darüber hinaus ganz neue, ungeahnte Talente. Er wurde zum Schriftsteller, aber zu keinem der Herkömmlichkeit. Er balancierte auf dem Wiener Witz wie auf einem Hochseil daher. Er verstand es witzig zu sein, einsichtig und zugleich unterhaltsam. Er nahm auf diese Weise sein Publikum zusätzlich gefangen.

Im Grunde schien Alfred Brendel bei aller Ernsthaftigkeit seiner Auftritte und Interpretationen immer ein bisschen wie von Loriot inspiriert, dem philosophierenden Spaßmacher. Das Einzigartige an Brendel und seinem Klavierspiel war die wie besessene Ausforschung seiner Möglichkeiten mit dem einzigen Ziel nicht dem Publikum, wohl aber dem Geist der Musik näherzukommen.

Klaus Geitel, Musikkritiker der Berliner Morgenpost, schreibt wöchentlich über seine Begegnungen mit Künstlern